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Sonntag, 20. September 2015

Iä! Iä! Cthulhu Fhtagn!

Zusätzlich zu den Sturmtruppen des Imperiums habe ich mich für die Feier im August auch an eine größere Torte gewagt, die in diesem Fall den großen Cthulhu, bekannt aus den Werken von H.P. Lovecraft, darstellen soll. Auch das war eine Premiere, etwas derartiges hatte ich noch nie zuvor geschaffen.

Als Basis diente ein Rührteigkuchen in einer Springform gebacken. Da ich die doppelte Menge an Teig aus dem Rezept verwendet habe, ging das Ding ziemlich auf und brauchte auch deutlich länger als vorgesehen. Mithilfe eines kleinen Messers und eines Bindfadens (MacGyver lässt grüßen) halbierte ich den Kuchen horizontal und unfallfrei. Ich wollte ihn mit etwas füllen, damit er nicht zu trocken im Geschmack würde, hierfür bestrich ich die untere Hälfte mit geschmolzener Schokolade und Kirschkonfitüre. Nachdem ich ihn wieder zusammen gesetzt hatte, verwendete ich auch außen Schokolade und Konfitüre, damit die nächste Schicht hielt - Marzipan!!

Eine Marzipandecke bildete die Grundlage. Leider war sie doch etwas zu klein für den riesigen Kuchen, so dass sie an einigen Stellen einriss. Da das ganze Projekt ein sehr experimentelles war, versuchte ich nach dem Auflegen der Decke sie mithilfe von Lebensmittelfarbe, in Wasser mit etwas Puderzucker gelöst, einzufärben. Das klappte nur mittelgut, immerhin wirkte das Marzipan nach der Behandlung zumindest hellgrün.

Nun folgte der künstlerische Aspekt: Kopf, Flügel und Tentakel des großen Cthulhu mussten geformt werden. Auch hierzu hatte ich Marzipan besorgt, dass ich ebenfalls grün einfärbte, was vor der Weiterverfärbung besser klappte. Das Zeug war außerordentlich klebrig, ließ sich aber ganz gut formen und hielt auch perfekt auf der Marzipandecke. Die zuvor aufgetauchten Risse nutzte ich, so dass der Eindruck entstand, dass die Tentakel aus dem Kuchen hervorbrechen.

Es war ein Haufen Arbeit, sorgte aber für einige Begeisterung und schmeckte ganz gut. Für weitere Projekte in der Richtung nehme ich mit, dass die normale Teigmenge ausreicht, dass ein anderes "Klebemittel" als Schokolade und Konfitüre verwendet werden sollte und dass ich mich vielleicht mal an Fondant heranwagen sollte, da es vermutlich weniger klebt und leichter zu verarbeiten ist. Außerdem sollte ich, wenn es dann soweit ist, mutig mit dem Messer voranschreiten und das Anschneiden der Torte übernehmen, da sich niemand sonst traute, die Hand gegen den großen und mächtigen Cthulhu zu erheben, wahrscheinlich aus Angst um die geistige Gesundheit.

Ph'nglui Mglw'nafh Cthulhu R'lyeh wgah'nagl fhtagn.

Dienstag, 2. Juli 2013

Story: "Im Auftrag der Toten"

Dies ist der Bericht eines von mir verkörperten Charakters des letzten Liverollenspiels, auf dem ich war. Da das Spiel mit den anderen in meiner Gruppe sehr schön war, wollte ich es einmal niederschreiben, was passiert ist, aus der Sicht des erwähnten Charakters, auch wenn er am Ende das Zeitliche gesegnet hat.

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Wie kam es nur dazu? Was hatten wir erwartet, wie es ausgeht? Wäre auch ein anderes Ende möglich gewesen, hätte die Macht des falschen Königs gebrochen werden können? Vielleicht... doch ich sollte am Anfang beginnen.

Die Baroness hatte mich zu sich gerufen von seltsamen Träumen und Stimmen geplagt, die ihr seit Wochen den Schlaf raubten. Doch so müde sie auch wirkte, sah ich doch zum ersten Male seit beinahe einem Jahrzehnt wieder ein dünnes Lächeln auf ihrem Gesicht, in ihren Augen glitzerte Hoffnung, die sie eigentlich schon lange begraben hatte. Ihren Verlobten hatte sie im Schlafe gesehen, er habe sie angesprochen und habe ihr mitgeteilt, es gäbe eine Möglichkeit für ihn zurück zu kehren aus dem Dunkel des Todes. Zweifelnd sah ich sie an, sie muss diesen unausgesprochenen Zweifel erkannt haben, bemühte sie sich doch die Glaubwürdigkeit ihrer Visionen deutlich zu machen. Ich konnte es kaum glauben und wollte es doch, zerriss es mir doch jedes Mal aufs Neue das Herz, wenn ich sie still weinen und trauern sah. Zwar hielt ich diese ganze Geschichte für suspekt und seltsam, dennoch erklärte ich mich dazu bereit mit zwei weiteren Getreuen der Anleitung der Stimme zu folgen und dem verstorbenen Geliebten meiner Herrin zur Hilfe zu eilen, auch wenn dies möglicherweise eine Falle war und unser Ende bedeuten würde. Meine Erinnerungen an den Weg zur angegebenen Stelle sind verschwommen und werden immer undeutlicher. Schon seltsam, wie mein eigenes Leben in der weltlichen, der mundanen Sphäre in immer weitere Ferne rückt und ich Mühe habe, mich an das Gesicht der Baroness zu erinnern, die uns zum Abschied von den Zinnen der Burg zuwinkte...

Dunkelheit. Dunkelheit und eine Stimme. Das war es, was ich beim Übergang erlebte. Eine kriecherische Stimme, die offenbar die Mächte der Verderbnis anrief, voller Entsetzen fand ich mich in einem rituellen Achtstern wieder, als die Dunkelheit wich, ein widerlicher kleiner Mann spie allerlei Beschwörungsformeln und Flüche gegen die guten Götter hervor, ringsum erkannte ich meine Begleiter und andere, die ich nicht kannte und die aus fernen Ländern zu stammen schienen. Die Landschaft sah aus wie ein normaler Wald und dennoch... genauere Blicke offenbarten Unterschiede, die Art der Bäume hatte ich noch nie gesehen, alles wirkte auf seltsame Weise künstlich. Das Gefasel des Kultisten endete und er führte uns, die wir noch ganz perplex und verwirrt vom Übergang an diesen Ort, „irgendwo im Inferno“, wie uns unser abscheulicher Ortskundiger mitteilte, an den Hof finsterster Kreaturen, deren Beschreibung allein eine Gefahr für das Seelenheil unbescholtener Menschen darstellen würde. Und dort sahen wir ihn... er war es tatsächlich, der Verlobte meiner Herrin stand vor uns, sprach und war offenbar überrascht uns zu sehen. Wie es zu erwarten war, die ganze Sache war eine Falle der anwesenden dämonischen Wesenheiten.

Was hätten wir tun sollen, wie hätten wir uns verhalten sollen? Der Wille zum Widerstand war vorhanden bei uns, die wir doch lebendig an diesen Ort des Schreckens gekommen waren, doch wir sahen, wie die versammelten Toten, die durch die Macht unseres unmenschlichen Gastgebers wieder Körper und Verstand an diesem Ort erhalten hatten, vor jenem das Haupt beugten und sich auf alles einließen, was er ihnen mit vor Lug und Trug triefender Stimmer versprach. Zurück ins Leben wollte er jene bringen, die sich in den Spielen, die er veranstalten wollte, durchsetzten. Selbst unser Herr, zu dessen Unterstützung wir hergeeilt waren, schien sich auf diesen schändlichen Handel ein zu lassen, auch wenn wir ihn warnten und anflehten, den grausamen Anhängern des Weltenvernichters nicht zu glauben.

Hatte ich dafür 5 Jahre lang im Krieg gekämpft gegen jene, die uns nun als ihre „Gäste“ zu allerlei Schandtaten und auch zur Zwietracht untereinander anhielten? Immer furchtbarer wurden die Spiele, die abgehalten wurde, so gut wir es konnten, entzogen wir uns, ungläubig mussten wir jedoch mit ansehen, wie unser Herr offenbar bereit war, den gleichen Weg wie jene schwachen Seelen einzuschlagen, die all jene Abscheulichkeiten mitmachten nur für die trügerische Hoffnung auf eine Rückkehr ins körperliche Leben.

Dann holten sie ihn zu sich, drohten ihn zu opfern, ihm den Kopf abzuschlagen und diesen buchstäblich als Spielball zu benutzen. Starr vor Schrecken betrachteten wir die Szene, sie wollten ihn zwingen einen anderen der Anwesenden zu benennen, auf das sie ihm diese schreckliche Schändung des Körpers antun könnten. Doch der Herr blieb standhaft und mit ruhiger Stimme teilte er den geifernden Dämonen und dem restlichen Abschaum mit, dass, wenn sie denn jemanden quälen und opfern wollten, sie ihn nehmen sollten, damit niemand anders dieses Schicksal zu erleiden hätte. Wir, die wir gekommen waren, ihn zu retten, traten vor um unsere eigenen Köpfe an seiner statt anzubieten, was unseren Herrn mit Schrecken erfüllte, wollte er doch nicht, dass jemand für ihn stürbe. Doch die wankelmütigen Dämonen hatten sich längst für einen anderen entschieden, den sie quälen und töten könnten und schickten uns alle wieder weg aus ihrem Thronsaal. Erschüttert, aber noch nicht gänzlich überzeugt, wollte unser Herr weiter an den Spielen teilnehmen.

Doch dazu sollte es nicht kommen, denn an seiner statt wurde der Oger in den Thronsaal geschleppt und auf den schwarzen Opfertisch in der Mitte des Raumes gebunden. Ich kann nur vermuten, was sie ihm bereits alles angetan hatten, als sie nach unserer Heilerin schicken ließen, die die bedauernswerte Kreatur wieder stabilisieren sollte, damit sie weiter ihre Greueltaten an ihr verüben konnten. Ich versuche das Bild aus meinem Kopf zu vertreiben, doch es gelingt mir nicht, ich kann nicht vergessen, wie die Dämonen und ihr menschliches Gefolge ringsum lachten und sich amüsierten über die Qualen, die dem Oger zugefügt wurden, wie er schrie und litt, wie die beiden abscheulichen Kreaturen, die ihn folterten, mit kalter Stimme den Zuschauern beschrieben, was sie ihm antaten. Noch schlimmer waren jedoch die Teilnehmer der Spiele, die Toten, die offenbar inzwischen Gefallen an dem Treiben der Dämonen gefunden hatten und ebenfalls voll perverser Freude zusahen, wie das Blut floss. Angewidert wollte ich mich abwenden, doch ich konnte es nicht, musste die Szene mit versteinerter Miene beobachten. Der Heilerin gebührt alles Lob ob ihres Mutes: Anstatt zu tun, weshalb man sie gerufen hatte und die Wunden zu versorgen, sorgte sie heimlich für das Ableben des Ogers. Während die Dämonen sich noch über seinen Tod ärgerten und die Leiche weiter verunstalteten, führte ich sie, über deren Wange die Tränen liefen, schnell aus dem Raum und zurück zu unserem Herrn.

Er hörte sich erschüttert unseren Bericht an, selbst jene, die bei ihm saßen, verstummten. Einige Zeit schwieg unser Herr, dann nickte er, sah uns an und sagte uns, dass wir recht hätten, es könne keinerlei Kooperation mit den Mächten der Verderbnis geben und er dankte uns dafür, dass wir ihn wieder auf den richtigen Weg zurück geführt hätten. Er schien vor unseren Augen zu wachsen, während er sprach und klar stellte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligen könne und dass wir fortan an keinem der Spielchen der Kreaturen mehr teilnehmen würden. Zudem gelobte er alles zu tun um ihre Pläne zu vereiteln oder bei dem Versuch zu sterben. Ich musste schlucken, war mir doch in diesem Moment endgültig klar, dass weder er noch wir jemals wieder lebendig zu seiner Verlobten in die mundane Sphäre zurückkehren würden. Ich versuchte mich an ihr Lächeln beim Abschied zu dieser Mission zu erinnern, doch es gelang mir nicht, schon da war meine Erinnerung an mein Leben getrübt.

Vorbereitungen wurden getroffen. Verbündete wurden gesucht. Pläne wurden gemacht. Doch sollte es alles anders kommen... den entscheidenden Moment verpassten wir. Jener, der den Schlag gegen die Dämonen beginnen sollte, war zu sehr an seiner eigenen, kleinen Existenz und seinen eigenen, kleinen Plänen interessiert und ließ uns im Stich um doch wieder nach den Regeln der Kreaturen zu handeln. Tatenlos mussten wir mit ansehen, wie die Ereignisse im Thronsaal sich überschlugen und wie der falsche König auf schändliche Weise über seine Feinde unter den anderen Kreaturen triumphierte. Hätten wir nun doch nicht handeln sollen? Hätten wir unser Knie beugen sollen vor den dämonischen Mächten und all das verraten, wofür wir gekämpft hatten, im Leben und auch im Tod? Niemals!

Als unser Herr seine Klinge zog, war unser Schicksal, unser Tod eigentlich bereits beschlossen. Dennoch folgten wir ihm mit erhobenen Waffen, als er im Namen des wahren Königs, „für König Warnulf Torwendil!“, seinen Schlachtruf erschallen ließ und sich auf die Geschöpfe des Feindes warf. Ich sah tapfere und gute Menschen fallen unter den Hieben und Klingen der Kreaturen und ihrer menschlichen Diener, ich sah verzweifelten Mut, als unsere Heilerin, die kaum ihr Schwert heben konnte, die Wachen des falschen Königs attackierte und während ich mein bestes tat um meine eigene Haut ebenfalls so teuer wie möglich zu verkaufen, spürte ich die Hand der Frau des falschen Königs auf meiner Schulter. Selbst durch meine Rüstung hindurch fühlte ich die Kälte ihres Griffes, ich hörte gezischte Worte in einer Hexensprache, die ich nicht verstand, dann trübte sich mein Blick, mein Körper wurde unbeweglich und verwandelte sich binnen Sekunden in festen, harten Stein.

Das letzte, was ich sah, war mein Herr, der sich gegen zwei Angreifer zur Wehr setzte und blutüberströmt zusammenbrach. Dann wurden auch meine Augen zu Stein und ich sah und fühlte nichts mehr.

Eine Rückkehr gibt es nicht, weder für mich noch für einen meiner Begleiter oder für unseren Herrn, für den wir das ganze getan haben. Dennoch... bin ich nicht von Trauer erfüllt. Wir haben getan, was getan werden musste, auch wenn es unser eigenes Leben gekostet hat. Wir haben uns den Dämonen der Verderbnis entgegen gestellt und uns ihren Spielchen widersetzt, auch wenn wir sie nicht verhindern konnten. Auch wenn unsere Körper vernichtet, unsere Seelen verloren sind... wir haben uns nicht von ihnen korrumpieren lassen. Niemals hätten wir seiner Verlobten, seinen Freunden oder seinem Vater ins Antlitz blicken können, wäre er zu dem Preis, den die Kreaturen der Verderbnis forderten, ins Leben zurück gekehrt.

Ich weiß nicht, warum ich das erzähle. Ich weiß nicht, wem ich das erzähle. Ich denke nur, so lange mein Geist noch dazu fähig ist zu denken, dass es erzählt werden muss, auf dass es nicht in Vergessenheit gerate und auf dass sich irgendwann vielleicht jemand daran erinnere. Möge es nicht vergessen werden.

Donnerstag, 11. April 2013

Story: Ein Hauch von Sommer

Das Sonnenlicht glitzerte durch das dichte Blätterdach über ihm hindurch. Blinzelnd setzte Karl seine Sonnenbrille auf um nicht weiter geblendet zu werden, dann schaute er doch kurz auf. Überrascht stellte er fest, dass er nun wohl schon einige Stunden auf der kleinen Holzbank gesessen und sein Buch gelesen hatte. Offenbar war die Lektüre doch spannender als der unscheinbare Einband und der zähe Einstieg in die Geschichte ihn hatte glauben lassen. Die Sonne war ein gutes Stück weiter gewandert und hatte auf ihrem unaufhaltsamen Weg nun eine Höhe erreicht, die für ein unangenehmes Kribbeln in seinem Gesicht sorgte. Etwas abgelenkt veränderte Karl seinen Sitz auf der Bank leicht, um weiterhin vom Schatten der Bäume um ihn herum zu profitieren. Beiläufig pustete er eine kleine schwarze Spinne, die sich offenbar verirrt hatte, von der geöffneten Seite seines Buches.

Karl liebte es seine freien Tage im Sommer hier auf dieser abgelegenen Parkbank zu verbringen. Vor einigen Jahren hatte er sie entdeckt, etwas versteckt von den Hauptwegen und den großen Liegewiesen, auf denen bei dem schönen Wetter die Menschen wie Sardinen in der Büchse nebeneinander lagen. Sofort hatte er diesen kleinen verschwiegenen Ort sehr zu schätzen gelernt. Er hasste den Lärm und die Hektik, der sich die anderen offenbar so euphorisch hingaben. Hier konnte er in Ruhe lesen oder auch einfach nur die Sonne genießen. Nur äußerst selten verirrte sich ein anderer Spaziergänger hierher und meist verschwanden diese auch sehr schnell wieder um im Trubel und Gewimmel der Stadt aufzugehen.

Karl atmete einmal tief durch und vertiefte sich wieder in sein Buch. Erneut musste er eine Spinne mit einem leichten Pusten von seiner Seite entfernen, sie landete neben ihm auf dem Boden. Die Geschichte war sehr spannend geschrieben. Eigentlich hatte Karl wenig für Horrorromane übrig, zu konstruiert waren sie oft und zu sehr auf simple Schockeffekte reduziert. Diesmal war es jedoch anders, der Horror, der Schrecken, das Absonderliche entwickelte sich langsam, schleichend, aus einer normalen, alltäglichen Situation heraus, in die immer wieder beunruhigende Eingriffe von bisher noch unbekannter Seite vorgenommen wurden. Seite um Seite schien die Welt mehr aus den Fugen zu geraten und all das ohne bildhafte Beschreibungen von unangenehmen Todesfällen und blutigen Gewaltexzessen.

Vor dem Umblättern bemerkte Karl nun schon zum dritten Male am Rand der Seite eine kleine schwarze Spinne. Genervt schnaufte er, dies war der einzige Nachteil der Abgeschiedenheit seines Lieblingsplatzes, er wurde von kleinen Krabbeltieren genau so sehr geschätzt wie von ihm. Etwas verärgert über die erneute Störung schnippte er das Tier mit seinen Fingern vom Buch. In kleinem Bogen flog es durch die Luft und prallte dann vor ihm auf den Kiesweg, wo es mit angezogenen Beinen leblos liegen blieb. Ein kurzer Stich der Scham und Reue durchzuckte Karl, wie es oft bei ihm der Fall war, wenn er absichtlich oder unabsichtlich ein Insekt oder eine Spinne tötete. Kurz blieb sein Blick an dem offenbar toten Tier auf dem Weg vor ihm kleben, dann widmete er sich wieder der Geschichte. Eine besonders aufregende Stelle bahnte sich an, welche seine volle Aufmerksamkeit einfing. Einige Minuten später lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick schweifen. Eine überraschende Wendung in der Geschichte hatte sich ereignet und Karl wollte einen Augenblick darüber nachdenken. Scheinbar glitt der Autor nun mehr und mehr auch in gängigere Horrorklischees ab, zumindest vermittelte das brutale Ableben eines der Protagonisten diesen Eindruck.

Etwas überrascht registrierte er am Rande, dass die tote Spinne verschwunden war. Vielleicht war sie nur betäubt gewesen oder von irgendeinem anderen der vielen krabbelnden Tiere im Umkreis gefressen worden.
Schnell hatte sich dieser Gedanke jedoch wieder verflüchtigt, Karl widmete sich wieder dem Buch auf seinem Schoß. Er war etwas unschlüssig, ob er weiterlesen sollte. Er hatte nichts übrig für vor Blut triefende Romane und Filme, er mochte kein Blut. Selbst bei kleinen Schnittwunden wurde ihm schnell schwarz vor Augen und allzu schnell ging es ihm ähnlich, wenn er von Verletzungen oder Todesfällen las. Allerdings hatte er auch die Angewohnheit ein angefangenes Buch zu Ende zu lesen. Es gab nichts schlimmeres, als mittendrin abzubrechen und dieser Schande hatte Karl sich auch erst wenige Male in seinem Leben hingeben müssen, Fälle, in denen der Autor entweder seitenlang schwafelte ohne das geringste bisschen Spannung aufzubauen oder die von so unendlicher Langeweile geprägt waren, dass er kaum eine Seite lesen konnte ohne zu gähnen oder mit offenen Augen einzuschlafen.

Leise seufzend rückte Karl sich etwas auf der Bank zurecht und senkte wieder seinen Blick auf das Buch um weiter zu lesen. Ein leises Kribbeln am linken Arm ließ ihn zusammenzucken und sich kratzen, dann blätterte er um und folgte dem Helden der Geschichte tiefer in die Abgründe menschlicher und unmenschlicher Seelen. Schaudernd las er die Beschreibungen der nächsten Morde und verfluchte insgeheim seine Besessenheit ein angefangenes Buch zu beenden. Erneut kribbelte sein Arm und er kratzte sich, dies riss ihn wieder etwas aus dem Sog des Schreckens heraus. Karl bemühte sich um Konzentration und las einige weitere Zeilen, ehe wieder dieses kitzelnde Geräusch, wie von kleinen Beinchen, die über seinen Arm glitten, zu spüren war. Er zwang sich dieses Mal nicht zu kratzen, sondern blickte von seiner Lektüre auf und schaute seinen Arm an. Stirnrunzelnd beobachtete er eine weitere kleine schwarze Spinne, die sich seinem Ellenbogen näherte. Langsam und verwundert hob er den Arm und sah, dass das Tier nicht allein war, sondern offenbar von ihrer Zwillingsschwester begleitet wurde. Beide krabbelten immer höher und wären vermutlich in seinem Ärmel verschwunden, hätte Karl sie nicht mit einer schnellen Handbewegung heruntergefegt. 

Eine der beiden schien sich nicht so einfach abschütteln zu lassen, sondern baumelte an einem kurzen Faden einige Zentimeter unter Karls Hand. Flink und geübt erkletterte die Spinne die Hand und wollte sich anscheinend erneut an ihm hochhangeln. Karl reagierte wie zuvor und versuchte das Tier von seinem Arm zu pusten. Verblüfft beobachtete er, wie das kleine Geschöpf seinen Körper runterpresste und seine Beine anlegte um sich gegen den Luftstoß zu stemmen. Kurz darauf begann es wieder zu krabbeln und wurde erst durch ein Schnippen seiner Finger vertrieben. Karl sah sich um und betrachtete die Bank und ihre Umgebung. Etwas verwundert über die aufdringlichen Spinnen schaute er nach weiteren ihrer Art, nach einem Netz oder auch Nest, das er vielleicht unbeabsichtigt beschädigt oder zerstört hatte. Beim Umschauen sah er ein paar andere schwarze Spinnen, die auf der Bank und dem Boden ringsum umherkrabbelten. Verwundert und auf seltsame Art beunruhigt konnte er sehen, dass einige von ihnen offenbar zielgerichtet ihm zustrebten, als lenke sie eine unbekannter Wunsch oder ein Drang, den er nicht erkannte. Langsam klappte Karl das Buch zu und erhob sich von der hölzernen Parkbank und trat einige Schritte zur Seite. Erschrocken sah er zu, wie die wimmelnden Spinnen, von denen es immer mehr zu geben schien, die Richtung wechselten und ihm folgten. 

Karl entfernte sich langsam von seiner Lieblingsbank, behielt dabei die Spinnen im Auge. Sie schienen aus allen Löchern, aus allen Ecken, unter Steinen, Blättern, dem Unterholz hervorzukriechen und es wurden immer mehr. Der Panik nahe wandte sich Karl zur Flucht, doch voller Bestürzung erkannte er, dass auch der Weg hinter ihm voller kleiner schwarzer Spinnen war, die sich ihm näherten. Für einen Moment erstarrte er, ihm war kalt und er wünschte sich aus diesem Traum zu erwachen. Einige der kleinen Tiere begannen an seinen Beinen empor zu klettern. Mit einem leisen Aufschrei und viel Gezappel streifte er die Spinnen ab, doch schnell rückten andere nach und erreichten Hüfte und Arme. Zitternd begann Karl zu laufen, viele der Spinnen wurden einfach von ihm zertreten, andere krabbelten weiter über seinen Körper, über Arme, Hände, seinen Hals, sein Gesicht. Keuchend suchte Karl den Rückweg über den kleinen Pfad, zurück zum Hauptweg, zu den Liegewiesen, zu anderen Menschen. Doch schienen die Bäume immer näher zu rücken, schien der Weg eher schmaler und verlassener zu werden. Spinnen, die über seine Augen krabbelten, machten die Orientierung immer komplizierter. Fahrig versuchte er sie fortzuwischen, doch zerquetschte er eine von ihnen nur, so dass er sich Schleim und Chitinreste in sein linkes Auge rieb. Angeekelt, mit Brechreiz und mit einem Herzen, das ihm bis zum Hals schlug, stolperte er weiter. 

Eine aus dem Boden ragende Wurzel brachte ihn zum Straucheln und er stürzte, sein Buch entglitt seinem Griff und landete irgendwo im Unterholz. Hart schlug Karl auf, er schmeckte Blut auf seiner Zunge und schürfte sich die Hände und Arme großflächig auf. Kurz wurde ihm gänzlich schwarz vor Augen, doch die winzigen krabbelnden Beine auf seinem gesamten Körper holten ihn schnell wieder in die Realität zurück. Ein kurzer Blick verdeutlichte ihm, dass sich die Zahl der Spinnen noch einmal vervielfacht hatte. Es wirkte, als würden mehrere hundert von ihnen über seinen Körper laufen. Sein Blick senkte sich etwas und er sah die Wunden an Händen und Armen, sah das Blut heraus laufen, fühlte den Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzog. Ächzend richtete er sich auf, als ein Stechen seinen rechten Arm ergriff. Mit verzerrtem Gesicht blickte er herab und sah einige Spinnen, die sich den Abschürfungen genähert hatten und ihre kleinen Beißwerkzeuge in sein verletztes Fleisch senkten. Schreiend vor Panik schlug er nach ihnen, was einen neuen Schmerzschub auslöste, als er mit der flachen Hand die Verletzung traf. 

Weitere Bisse durchzuckten wie Nadelstiche seine Beine und Arme. Auch andere Spinnen hatten begonnen kleine Fleischbrocken von den Rändern seiner Wunden zu reißen und zu verspeisen. Mit Tränen in den Augen und schreiend begann Karl sich am Boden zu wälzen und zu rollen in der Hoffnung möglichst viele seiner kleinen Peiniger zu zerquetschen. Doch es waren schlicht zu viele und es schienen immer mehr zu werden, für jeden kleinen schwarzen Körper, den er abschütteln oder töten konnte, tauchten drei andere auf, die auf seinen Leib kletterten. Der Schmerz durch ihre kleinen Kiefer machte ihn schier wahnsinnig, einige weitere begannen durch verschiedene Körperöffnungen in ihn hineinzukrabbeln. Bei jedem Schrei drangen mehr Spinnen in seinen Mund vor, seine Nase verstopfte mehr und mehr, er hörte ihre kleinen Beine in seinen Ohren krabbeln und kratzen. Sie schienen gezielt dünne Hautschichten zu suchen und zu versuchen Löcher in seinen Körper zu beißen. Er spürte das Zwicken und Kneifen an seinen Lidern, seinen Lippen, seinen Ohrläppchen. Das letzte, was er jemals sah, war seine Lieblingsbank einige Meter von ihm entfernt, davor die Silhouetten von vielen achtbeinigen Wesen, die über seine Augen krabbelten, bevor sich gnadenlose hungrige Beißwerkzeuge in seine Augäpfel senkten und sie aus ihren Höhlen fraßen. 

Schreiend vor Schmerzen, griff er immer wieder um sich, erschlug und zerquetschte Spinne um Spinne, doch machte es scheinbar keinerlei Unterschied. Immer weiter drangen sie vor und fraßen sich geradezu in seinen Körper hinein. Karl versuchte mehrfach wieder aufzustehen und sich weiter zu schleppen, doch jedes Mal brach er nach wenigen Schritten wieder zusammen vor lauter Pein. Schließlich war nur noch ein Winseln und Jammern aus seinem Mund zu hören, der voller Spinnen war, die Brocken aus seinem Zahnfleisch bissen und rissen, während das Blut in Strömen aus vielen kleinen Wunden an seinem ganzen Körper lief. Bis zuletzt, bis er aufgrund des Blutverlustes aus dem Leben glitt, spürte er das enervierende Krabbeln und das schmerzhafte Beißen der kleinen schwarzen Spinnen, die zu tausenden aus dem Unterholz gekommen war, hoffte, dass jemand ihn hören und retten würde. 

Als das Schreien schließlich erstarb und als die Kreaturen, gesättigt vom Blut und Fleisch Karls, wieder in der Dunkelheit zwischen den Bäumen und im Unterholz verschwanden, blieben nur einige abgeschälte Knochen sowie ein blutverschmiertes Buch am Ort des Geschehens zurück. Ruhe kehrte wieder ein, nur von fern drang der Lärm der spielenden Kinder und der Sonnenanbeter herüber, die sich auf der Liegewiese im Licht zusammendrängten.