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Dienstag, 31. März 2015

Kurzgeschichte: Vor dem Spiegel.

Die Vorgabe war: Eine Woche Zeit, Fantasygenre, die Stichworte "Liebe, Mord, Spiegel" und eine Länge von 5000 bis 10000 Zeichen. Es wurden 9361.

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Ich erinnere mich, dass ich mich freute, als der Spiegel endlich geliefert wurde. Groß war er, vier kräftige Männer trugen ihn, jeder an einer Ecke, ich konnte ihnen die Anstrengung ansehen. Leicht nervös versuchte ich sicherzustellen, dass sie das gute Stück nicht beschädigten, sie versuchten sich ihren Ärger über meine Anweisungen nicht anmerken zu lassen, doch ich sah es wohl. Es war schon immer Teil meiner Position die Menschen zu durchschauen. Man benötigt diese Fähigkeit als Patriarch eines Hohen Hauses in dieser Stadt, sonst endet die eigene Herrschaft zwangsläufig sehr abrupt.
Als der Spiegel endlich an Ort und Stelle war, betrachtete ich ihn ausgiebig und suchte nach möglichen Transportschäden. Doch die Träger hatten ganze Arbeit geleistet und sich sehr viel Mühe gegeben, die glatte Oberfläche war makellos und auch der wuchtige verschnörkelte Rahmen aus dunklem Holz wies keinerlei Kratzer auf. Ich nickte ihnen zufrieden zu und ließ jedem von ihnen ein Silberstück durch einen meiner Hausdiener aushändigen. Sie gaben sich alle Mühe ihrem Dank Ausdruck zu verleihen und verschwanden schleunigst, scheinbar machte sie die ungewohnte Umgebung nervös. Vermutlich haben sie das Silber noch am selben Abend in einer der zahllosen Kneipen der Unterschicht versoffen, aber das scherte mich nicht. Ich hatte nur Augen für den Spiegel.

Der Hexenmeister Janus, bei dem ich ihn erstanden hatte, hatte mir klare Anweisungen für seine Benutzung mit auf den Weg gegeben.
Stellt Euch vor den Spiegel, schließt eure Augen und konzentriert euch für einige Sekunden intensiv auf den Ort oder die Person, die ihr sehen wollt. Öffnet sodann Eure Augen und Ihr werdet das gewünschte Bild vor Euch sehen.“ Janus hatte bei diesen Worten seinen langen weißen Bart gestreichelt. Ich weiß, dass ich mich sehr bemühen musste meinen Abscheu gegenüber der Kreatur vor mir zu verbergen. Blass und gebeugt hatte er in dem Raum gesessen, den er offenbar als sein Studierzimmer ansah. Er wirkte unterernährt, sein Schädel war kahl und voller seltsamer Flecken. Sein Bart, den er so voller Stolz liebkoste, war dünn und strähnig, man konnte sein weißes Kinn darunter hervor scheinen sehen. Von der Qualität seiner Kleidung und den lächerlichen Einrichtungsgegenständen, die wohl seine Kunden in die richtige Stimmung versetzen sollten, obwohl man deutlich sah, das keiner davon echt war, will ich gar nicht erst anfangen. Janus hatte mich nach seinen Worten angegrinst, die Zahnlücken in seinem Mund passten zu seinem fauligen Atem. Ich hielt die Luft an.
Aber seid gewarnt, Herr“, er hob den Zeigefinger, als würde er zu einem Schuljungen sprechen, „verwendet den Spiegel nur, wenn es wirklich vonnöten ist, jede Benutzung birgt ein gewisses Risiko für den ungeschulten Geist.“
Ich hatte nur genickt und ihm mit spitzen Fingern den Beutel mit der fürstlichen Summe überreicht, die wir für den Zauberspiegel ausgehandelt hatten. Sein Grinsen war dabei noch etwas breiter und gieriger geworden.

Und nun stand er endlich vor mir und ich konnte ihn nach Belieben verwenden. Wie ich schon erwähnte, das Durchschauen der Menschen ist wichtig für den Erfolg meiner Position, mit diesem kleinen, magischen Hilfsmittel jedoch würde ich in kürzester Zeit mein Haus zum mächtigsten der gesamten Stadt machen. Kein Schritt meiner Gegner würde mir verborgen bleiben. Jedes Auflehnen gegen meine Macht wäre vergebens. All ihre Geheimnisse lagen offen vor mir. Ich lächelte vergnügt und betrachtete mein Spiegelbild, das noch viel vergnügter wirkte, als ich mich fühlte. Ich überlegte, auf welche Weise ich meine neue Investition wohl testen sollte.
Die Entscheidung kam schnell, ich wollte einen Blick in die Ratshalle werfen. Ich schloss die Augen und stellte sie mir vor. Ich hatte viele Stunden dort verbracht, somit war es kein Problem sie mir vor mein geistiges Auge zu rufen. Nach einigen Sekunden öffnete ich meine Augen wieder und betrachtete den Spiegel. Er sah seltsam verschwommen aus, als wäre er schlecht gearbeitet oder von einem öligen Film bedeckt. Dann verschwand mein Spiegelbild und ich sah die mir so bekannte Ratshalle. Ich grinste. Es hatte funktioniert.
Die Halle war zu dieser Zeit leer, die nächste Sitzung stand erst am nächsten Morgen an. Ich stellte fest, dass ich mit einfachen Gedanken das Bild bewegen konnte, so dass ich den Raum aus verschiedenen Blickrichtungen betrachten konnte. Nachdem ich mich kurz abgewandt hatte, war jedoch wieder nur mein eigenes Spiegelbild in der glatten Oberfläche zu sehen.
In den nächsten Tagen und Wochen benutzte ich ihn immer wieder, meinen Zauberspiegel. Ich lernte, dass ich auch hören konnte, was gesprochen wurde, wenn ich mich auf Menschen konzentrierte und sie heimlich beobachtete. Die durch dieses magische Kleinod gewonnenen Informationen brachten meine Geschäfte gewaltig in Schwung, kein Geheimnis meiner Konkurrenz blieb mir verborgen und meine politischen Gegner konnten keine Intrigen gegen mich spinnen, von denen ich nicht nach kürzester Zeit gewusst hätte. Doch dann, auf dem Höhepunkt meiner Macht und meiner Möglichkeiten, sah ich sie.
Ich bespitzelte gerade einen meiner ärgsten Widersacher, als meine Aufmerksamkeit von einer jungen Dame im Hintergrund der Szene gefangen wurde. Sie war das liebreizendste Wesen, auf das meine Augen jemals fielen und ich war ihr sofort verfallen. Im Nu war der eigentliche Zweck meiner Sondierung vergessen und ihr Antlitz füllte den gesamten Spiegel vor mir aus. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit ihr zuzuschauen, sie zu bewundern und alles über sie zu erfahren.
Sie schien eine Freundin der Tochter meines Feindes zu sein, jedenfalls gingen die beiden Mädchen sehr freundschaftlich miteinander um. Ich sah ihnen beim Essen zu, beim Spaziergang durch die Gärten und beim Herumalbern über belanglose Themen. Ich vergaß darüber vollkommen die Zeit.
In den nächsten Tagen ging es bergab mit mir. Ich verpasste immer wieder Ratssitzungen. Der Zauberspiegel, der mir eigentlich nur für geschäftliche Zwecke dienen sollte, wurde von mir nur noch für die Beobachtung meiner Angebeteten benutzt. Kaum hatte ich am Morgen das Bett verlassen, begab ich mich zu meinem Fenster in die Welt und dachte an ihr hübsches Gesicht. Den Rest des Tages verbrachte ich zumeist mit ihr, wenn auch nur von ferne. Ich aß wenig, vernachlässigte meine Geschäfte und mein Haus. Ich ließ meine Freunde und Verbündeten durch Diener abwimmeln, auch wenn ihre Anfragen immer dringlicher wurden. Ich nahm es kaum wahr, aber auch meine Dienerschaft wurde kleiner, da ich mich mit Dingen wie Lohnzahlungen nicht auseinander setzen wollte.
Dann kam das Ende. Eines Tages sah ich sie mit einem jungen Mann auf einem Spaziergang. Sie hatte sich bei ihm unter gehakt und lachte über einen blödsinnigen Scherz, den er gemacht hatte. Mein Herz zerriss fast bei diesem Anblick und meine Eifersucht wurde geweckt. Wie konnte er es wagen meine Geliebte anzusprechen, zu berühren, womöglich zu verführen? So sehr ich mir auch einreden wollte, dass sie ihn sicherlich abweisen und mir treu bleiben würde, so sehr sprachen auch alle Anzeichen dagegen. In der folgenden Zeit sah ich ihn immer häufiger in ihrer Gegenwart. Sie verbrachten die Nachmittage miteinander, einige Male besuchten sie gemeinsam ein Theater. Meine Verzweiflung und meine Wut auf meinen Nebenbuhler wuchs stetig an, doch was sollte ich tun? Ich konnte nur hilflos zusehen, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Konnte sie nicht sehen, dass er nur mit ihr spielte, dass er sie verletzen würde? Er war nicht gut für sie.
Beim letzten Mal, als ich die beiden durch den Spiegel beobachtete, gingen sie am späten Abend durch die Gärten. Ich schrie gepeinigt auf, als er sich herunter beugte und sie küsste, sie wehrte sich nicht, ließ es zu. Hasserfüllt sah ich, wie er sie zu einer Bank führte und seine Liebkosungen fortsetzte. Ich konnte doch nicht einfach nur zusehen, ich musste handeln! Jeder hätte in dieser Situation gehandelt, wenn er noch einigermaßen bei klarem Verstand gewesen wäre. Seit Wochen zum ersten Male fiel mir auf, dass ich ja nur Ereignisse beobachtete, die wahrhaftig gerade stattfanden. Ich konnte eingreifen, ich musste mich nur von dem Spiegel losreißen.
Dies gestaltete sich sehr schwierig. Ich musste meine gesamte verbliebene Willenskraft einsetzen, um nur den Kopf zu drehen. Als das Bild der beiden auf der Bank verschwunden war, blickte ich in mein Gesicht. Ich hatte anscheinend etwas abgenommen. Eine Rasur würde mir gut tun. Aber die kalte, klare, ein wenig fiebrige Entschlossenheit in meinen weit aufgerissenen Augen machte mir Mut. Mit einer schnellen Handbewegung stieß ich den Zauberspiegel um, der mich so lange gefangen hatte. Ich würde nun aktiv werden und nicht länger der Zuschauer sein. Er zersprang auf dem kalten harten Steinboden in tausend Scherben. Ich grinste breit und griff mir die größte von ihnen, achtete nicht auf das Blut, das mir dabei über die Hand lief, als die scharfe Bruchkante in mein Fleisch schnitt. Den Weg in die Gärten kannte ich, ich würde die beiden schon finden und mir dann nehmen, was mir gehörte.
Im Hinausgehen glaubte ich kurz das breite Grinsen und die Zahnlücken des Hexenmeisters in einem der Spiegelfragmente am Boden zu sehen, dann war es das liebliche Lächeln meiner Angebeteten; doch bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es nur mein eigenes Spiegelbild war.

Donnerstag, 11. April 2013

Story: Ein Hauch von Sommer

Das Sonnenlicht glitzerte durch das dichte Blätterdach über ihm hindurch. Blinzelnd setzte Karl seine Sonnenbrille auf um nicht weiter geblendet zu werden, dann schaute er doch kurz auf. Überrascht stellte er fest, dass er nun wohl schon einige Stunden auf der kleinen Holzbank gesessen und sein Buch gelesen hatte. Offenbar war die Lektüre doch spannender als der unscheinbare Einband und der zähe Einstieg in die Geschichte ihn hatte glauben lassen. Die Sonne war ein gutes Stück weiter gewandert und hatte auf ihrem unaufhaltsamen Weg nun eine Höhe erreicht, die für ein unangenehmes Kribbeln in seinem Gesicht sorgte. Etwas abgelenkt veränderte Karl seinen Sitz auf der Bank leicht, um weiterhin vom Schatten der Bäume um ihn herum zu profitieren. Beiläufig pustete er eine kleine schwarze Spinne, die sich offenbar verirrt hatte, von der geöffneten Seite seines Buches.

Karl liebte es seine freien Tage im Sommer hier auf dieser abgelegenen Parkbank zu verbringen. Vor einigen Jahren hatte er sie entdeckt, etwas versteckt von den Hauptwegen und den großen Liegewiesen, auf denen bei dem schönen Wetter die Menschen wie Sardinen in der Büchse nebeneinander lagen. Sofort hatte er diesen kleinen verschwiegenen Ort sehr zu schätzen gelernt. Er hasste den Lärm und die Hektik, der sich die anderen offenbar so euphorisch hingaben. Hier konnte er in Ruhe lesen oder auch einfach nur die Sonne genießen. Nur äußerst selten verirrte sich ein anderer Spaziergänger hierher und meist verschwanden diese auch sehr schnell wieder um im Trubel und Gewimmel der Stadt aufzugehen.

Karl atmete einmal tief durch und vertiefte sich wieder in sein Buch. Erneut musste er eine Spinne mit einem leichten Pusten von seiner Seite entfernen, sie landete neben ihm auf dem Boden. Die Geschichte war sehr spannend geschrieben. Eigentlich hatte Karl wenig für Horrorromane übrig, zu konstruiert waren sie oft und zu sehr auf simple Schockeffekte reduziert. Diesmal war es jedoch anders, der Horror, der Schrecken, das Absonderliche entwickelte sich langsam, schleichend, aus einer normalen, alltäglichen Situation heraus, in die immer wieder beunruhigende Eingriffe von bisher noch unbekannter Seite vorgenommen wurden. Seite um Seite schien die Welt mehr aus den Fugen zu geraten und all das ohne bildhafte Beschreibungen von unangenehmen Todesfällen und blutigen Gewaltexzessen.

Vor dem Umblättern bemerkte Karl nun schon zum dritten Male am Rand der Seite eine kleine schwarze Spinne. Genervt schnaufte er, dies war der einzige Nachteil der Abgeschiedenheit seines Lieblingsplatzes, er wurde von kleinen Krabbeltieren genau so sehr geschätzt wie von ihm. Etwas verärgert über die erneute Störung schnippte er das Tier mit seinen Fingern vom Buch. In kleinem Bogen flog es durch die Luft und prallte dann vor ihm auf den Kiesweg, wo es mit angezogenen Beinen leblos liegen blieb. Ein kurzer Stich der Scham und Reue durchzuckte Karl, wie es oft bei ihm der Fall war, wenn er absichtlich oder unabsichtlich ein Insekt oder eine Spinne tötete. Kurz blieb sein Blick an dem offenbar toten Tier auf dem Weg vor ihm kleben, dann widmete er sich wieder der Geschichte. Eine besonders aufregende Stelle bahnte sich an, welche seine volle Aufmerksamkeit einfing. Einige Minuten später lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick schweifen. Eine überraschende Wendung in der Geschichte hatte sich ereignet und Karl wollte einen Augenblick darüber nachdenken. Scheinbar glitt der Autor nun mehr und mehr auch in gängigere Horrorklischees ab, zumindest vermittelte das brutale Ableben eines der Protagonisten diesen Eindruck.

Etwas überrascht registrierte er am Rande, dass die tote Spinne verschwunden war. Vielleicht war sie nur betäubt gewesen oder von irgendeinem anderen der vielen krabbelnden Tiere im Umkreis gefressen worden.
Schnell hatte sich dieser Gedanke jedoch wieder verflüchtigt, Karl widmete sich wieder dem Buch auf seinem Schoß. Er war etwas unschlüssig, ob er weiterlesen sollte. Er hatte nichts übrig für vor Blut triefende Romane und Filme, er mochte kein Blut. Selbst bei kleinen Schnittwunden wurde ihm schnell schwarz vor Augen und allzu schnell ging es ihm ähnlich, wenn er von Verletzungen oder Todesfällen las. Allerdings hatte er auch die Angewohnheit ein angefangenes Buch zu Ende zu lesen. Es gab nichts schlimmeres, als mittendrin abzubrechen und dieser Schande hatte Karl sich auch erst wenige Male in seinem Leben hingeben müssen, Fälle, in denen der Autor entweder seitenlang schwafelte ohne das geringste bisschen Spannung aufzubauen oder die von so unendlicher Langeweile geprägt waren, dass er kaum eine Seite lesen konnte ohne zu gähnen oder mit offenen Augen einzuschlafen.

Leise seufzend rückte Karl sich etwas auf der Bank zurecht und senkte wieder seinen Blick auf das Buch um weiter zu lesen. Ein leises Kribbeln am linken Arm ließ ihn zusammenzucken und sich kratzen, dann blätterte er um und folgte dem Helden der Geschichte tiefer in die Abgründe menschlicher und unmenschlicher Seelen. Schaudernd las er die Beschreibungen der nächsten Morde und verfluchte insgeheim seine Besessenheit ein angefangenes Buch zu beenden. Erneut kribbelte sein Arm und er kratzte sich, dies riss ihn wieder etwas aus dem Sog des Schreckens heraus. Karl bemühte sich um Konzentration und las einige weitere Zeilen, ehe wieder dieses kitzelnde Geräusch, wie von kleinen Beinchen, die über seinen Arm glitten, zu spüren war. Er zwang sich dieses Mal nicht zu kratzen, sondern blickte von seiner Lektüre auf und schaute seinen Arm an. Stirnrunzelnd beobachtete er eine weitere kleine schwarze Spinne, die sich seinem Ellenbogen näherte. Langsam und verwundert hob er den Arm und sah, dass das Tier nicht allein war, sondern offenbar von ihrer Zwillingsschwester begleitet wurde. Beide krabbelten immer höher und wären vermutlich in seinem Ärmel verschwunden, hätte Karl sie nicht mit einer schnellen Handbewegung heruntergefegt. 

Eine der beiden schien sich nicht so einfach abschütteln zu lassen, sondern baumelte an einem kurzen Faden einige Zentimeter unter Karls Hand. Flink und geübt erkletterte die Spinne die Hand und wollte sich anscheinend erneut an ihm hochhangeln. Karl reagierte wie zuvor und versuchte das Tier von seinem Arm zu pusten. Verblüfft beobachtete er, wie das kleine Geschöpf seinen Körper runterpresste und seine Beine anlegte um sich gegen den Luftstoß zu stemmen. Kurz darauf begann es wieder zu krabbeln und wurde erst durch ein Schnippen seiner Finger vertrieben. Karl sah sich um und betrachtete die Bank und ihre Umgebung. Etwas verwundert über die aufdringlichen Spinnen schaute er nach weiteren ihrer Art, nach einem Netz oder auch Nest, das er vielleicht unbeabsichtigt beschädigt oder zerstört hatte. Beim Umschauen sah er ein paar andere schwarze Spinnen, die auf der Bank und dem Boden ringsum umherkrabbelten. Verwundert und auf seltsame Art beunruhigt konnte er sehen, dass einige von ihnen offenbar zielgerichtet ihm zustrebten, als lenke sie eine unbekannter Wunsch oder ein Drang, den er nicht erkannte. Langsam klappte Karl das Buch zu und erhob sich von der hölzernen Parkbank und trat einige Schritte zur Seite. Erschrocken sah er zu, wie die wimmelnden Spinnen, von denen es immer mehr zu geben schien, die Richtung wechselten und ihm folgten. 

Karl entfernte sich langsam von seiner Lieblingsbank, behielt dabei die Spinnen im Auge. Sie schienen aus allen Löchern, aus allen Ecken, unter Steinen, Blättern, dem Unterholz hervorzukriechen und es wurden immer mehr. Der Panik nahe wandte sich Karl zur Flucht, doch voller Bestürzung erkannte er, dass auch der Weg hinter ihm voller kleiner schwarzer Spinnen war, die sich ihm näherten. Für einen Moment erstarrte er, ihm war kalt und er wünschte sich aus diesem Traum zu erwachen. Einige der kleinen Tiere begannen an seinen Beinen empor zu klettern. Mit einem leisen Aufschrei und viel Gezappel streifte er die Spinnen ab, doch schnell rückten andere nach und erreichten Hüfte und Arme. Zitternd begann Karl zu laufen, viele der Spinnen wurden einfach von ihm zertreten, andere krabbelten weiter über seinen Körper, über Arme, Hände, seinen Hals, sein Gesicht. Keuchend suchte Karl den Rückweg über den kleinen Pfad, zurück zum Hauptweg, zu den Liegewiesen, zu anderen Menschen. Doch schienen die Bäume immer näher zu rücken, schien der Weg eher schmaler und verlassener zu werden. Spinnen, die über seine Augen krabbelten, machten die Orientierung immer komplizierter. Fahrig versuchte er sie fortzuwischen, doch zerquetschte er eine von ihnen nur, so dass er sich Schleim und Chitinreste in sein linkes Auge rieb. Angeekelt, mit Brechreiz und mit einem Herzen, das ihm bis zum Hals schlug, stolperte er weiter. 

Eine aus dem Boden ragende Wurzel brachte ihn zum Straucheln und er stürzte, sein Buch entglitt seinem Griff und landete irgendwo im Unterholz. Hart schlug Karl auf, er schmeckte Blut auf seiner Zunge und schürfte sich die Hände und Arme großflächig auf. Kurz wurde ihm gänzlich schwarz vor Augen, doch die winzigen krabbelnden Beine auf seinem gesamten Körper holten ihn schnell wieder in die Realität zurück. Ein kurzer Blick verdeutlichte ihm, dass sich die Zahl der Spinnen noch einmal vervielfacht hatte. Es wirkte, als würden mehrere hundert von ihnen über seinen Körper laufen. Sein Blick senkte sich etwas und er sah die Wunden an Händen und Armen, sah das Blut heraus laufen, fühlte den Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzog. Ächzend richtete er sich auf, als ein Stechen seinen rechten Arm ergriff. Mit verzerrtem Gesicht blickte er herab und sah einige Spinnen, die sich den Abschürfungen genähert hatten und ihre kleinen Beißwerkzeuge in sein verletztes Fleisch senkten. Schreiend vor Panik schlug er nach ihnen, was einen neuen Schmerzschub auslöste, als er mit der flachen Hand die Verletzung traf. 

Weitere Bisse durchzuckten wie Nadelstiche seine Beine und Arme. Auch andere Spinnen hatten begonnen kleine Fleischbrocken von den Rändern seiner Wunden zu reißen und zu verspeisen. Mit Tränen in den Augen und schreiend begann Karl sich am Boden zu wälzen und zu rollen in der Hoffnung möglichst viele seiner kleinen Peiniger zu zerquetschen. Doch es waren schlicht zu viele und es schienen immer mehr zu werden, für jeden kleinen schwarzen Körper, den er abschütteln oder töten konnte, tauchten drei andere auf, die auf seinen Leib kletterten. Der Schmerz durch ihre kleinen Kiefer machte ihn schier wahnsinnig, einige weitere begannen durch verschiedene Körperöffnungen in ihn hineinzukrabbeln. Bei jedem Schrei drangen mehr Spinnen in seinen Mund vor, seine Nase verstopfte mehr und mehr, er hörte ihre kleinen Beine in seinen Ohren krabbeln und kratzen. Sie schienen gezielt dünne Hautschichten zu suchen und zu versuchen Löcher in seinen Körper zu beißen. Er spürte das Zwicken und Kneifen an seinen Lidern, seinen Lippen, seinen Ohrläppchen. Das letzte, was er jemals sah, war seine Lieblingsbank einige Meter von ihm entfernt, davor die Silhouetten von vielen achtbeinigen Wesen, die über seine Augen krabbelten, bevor sich gnadenlose hungrige Beißwerkzeuge in seine Augäpfel senkten und sie aus ihren Höhlen fraßen. 

Schreiend vor Schmerzen, griff er immer wieder um sich, erschlug und zerquetschte Spinne um Spinne, doch machte es scheinbar keinerlei Unterschied. Immer weiter drangen sie vor und fraßen sich geradezu in seinen Körper hinein. Karl versuchte mehrfach wieder aufzustehen und sich weiter zu schleppen, doch jedes Mal brach er nach wenigen Schritten wieder zusammen vor lauter Pein. Schließlich war nur noch ein Winseln und Jammern aus seinem Mund zu hören, der voller Spinnen war, die Brocken aus seinem Zahnfleisch bissen und rissen, während das Blut in Strömen aus vielen kleinen Wunden an seinem ganzen Körper lief. Bis zuletzt, bis er aufgrund des Blutverlustes aus dem Leben glitt, spürte er das enervierende Krabbeln und das schmerzhafte Beißen der kleinen schwarzen Spinnen, die zu tausenden aus dem Unterholz gekommen war, hoffte, dass jemand ihn hören und retten würde. 

Als das Schreien schließlich erstarb und als die Kreaturen, gesättigt vom Blut und Fleisch Karls, wieder in der Dunkelheit zwischen den Bäumen und im Unterholz verschwanden, blieben nur einige abgeschälte Knochen sowie ein blutverschmiertes Buch am Ort des Geschehens zurück. Ruhe kehrte wieder ein, nur von fern drang der Lärm der spielenden Kinder und der Sonnenanbeter herüber, die sich auf der Liegewiese im Licht zusammendrängten.