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Dienstag, 31. März 2015

Kurzgeschichte: Vor dem Spiegel.

Die Vorgabe war: Eine Woche Zeit, Fantasygenre, die Stichworte "Liebe, Mord, Spiegel" und eine Länge von 5000 bis 10000 Zeichen. Es wurden 9361.

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Ich erinnere mich, dass ich mich freute, als der Spiegel endlich geliefert wurde. Groß war er, vier kräftige Männer trugen ihn, jeder an einer Ecke, ich konnte ihnen die Anstrengung ansehen. Leicht nervös versuchte ich sicherzustellen, dass sie das gute Stück nicht beschädigten, sie versuchten sich ihren Ärger über meine Anweisungen nicht anmerken zu lassen, doch ich sah es wohl. Es war schon immer Teil meiner Position die Menschen zu durchschauen. Man benötigt diese Fähigkeit als Patriarch eines Hohen Hauses in dieser Stadt, sonst endet die eigene Herrschaft zwangsläufig sehr abrupt.
Als der Spiegel endlich an Ort und Stelle war, betrachtete ich ihn ausgiebig und suchte nach möglichen Transportschäden. Doch die Träger hatten ganze Arbeit geleistet und sich sehr viel Mühe gegeben, die glatte Oberfläche war makellos und auch der wuchtige verschnörkelte Rahmen aus dunklem Holz wies keinerlei Kratzer auf. Ich nickte ihnen zufrieden zu und ließ jedem von ihnen ein Silberstück durch einen meiner Hausdiener aushändigen. Sie gaben sich alle Mühe ihrem Dank Ausdruck zu verleihen und verschwanden schleunigst, scheinbar machte sie die ungewohnte Umgebung nervös. Vermutlich haben sie das Silber noch am selben Abend in einer der zahllosen Kneipen der Unterschicht versoffen, aber das scherte mich nicht. Ich hatte nur Augen für den Spiegel.

Der Hexenmeister Janus, bei dem ich ihn erstanden hatte, hatte mir klare Anweisungen für seine Benutzung mit auf den Weg gegeben.
Stellt Euch vor den Spiegel, schließt eure Augen und konzentriert euch für einige Sekunden intensiv auf den Ort oder die Person, die ihr sehen wollt. Öffnet sodann Eure Augen und Ihr werdet das gewünschte Bild vor Euch sehen.“ Janus hatte bei diesen Worten seinen langen weißen Bart gestreichelt. Ich weiß, dass ich mich sehr bemühen musste meinen Abscheu gegenüber der Kreatur vor mir zu verbergen. Blass und gebeugt hatte er in dem Raum gesessen, den er offenbar als sein Studierzimmer ansah. Er wirkte unterernährt, sein Schädel war kahl und voller seltsamer Flecken. Sein Bart, den er so voller Stolz liebkoste, war dünn und strähnig, man konnte sein weißes Kinn darunter hervor scheinen sehen. Von der Qualität seiner Kleidung und den lächerlichen Einrichtungsgegenständen, die wohl seine Kunden in die richtige Stimmung versetzen sollten, obwohl man deutlich sah, das keiner davon echt war, will ich gar nicht erst anfangen. Janus hatte mich nach seinen Worten angegrinst, die Zahnlücken in seinem Mund passten zu seinem fauligen Atem. Ich hielt die Luft an.
Aber seid gewarnt, Herr“, er hob den Zeigefinger, als würde er zu einem Schuljungen sprechen, „verwendet den Spiegel nur, wenn es wirklich vonnöten ist, jede Benutzung birgt ein gewisses Risiko für den ungeschulten Geist.“
Ich hatte nur genickt und ihm mit spitzen Fingern den Beutel mit der fürstlichen Summe überreicht, die wir für den Zauberspiegel ausgehandelt hatten. Sein Grinsen war dabei noch etwas breiter und gieriger geworden.

Und nun stand er endlich vor mir und ich konnte ihn nach Belieben verwenden. Wie ich schon erwähnte, das Durchschauen der Menschen ist wichtig für den Erfolg meiner Position, mit diesem kleinen, magischen Hilfsmittel jedoch würde ich in kürzester Zeit mein Haus zum mächtigsten der gesamten Stadt machen. Kein Schritt meiner Gegner würde mir verborgen bleiben. Jedes Auflehnen gegen meine Macht wäre vergebens. All ihre Geheimnisse lagen offen vor mir. Ich lächelte vergnügt und betrachtete mein Spiegelbild, das noch viel vergnügter wirkte, als ich mich fühlte. Ich überlegte, auf welche Weise ich meine neue Investition wohl testen sollte.
Die Entscheidung kam schnell, ich wollte einen Blick in die Ratshalle werfen. Ich schloss die Augen und stellte sie mir vor. Ich hatte viele Stunden dort verbracht, somit war es kein Problem sie mir vor mein geistiges Auge zu rufen. Nach einigen Sekunden öffnete ich meine Augen wieder und betrachtete den Spiegel. Er sah seltsam verschwommen aus, als wäre er schlecht gearbeitet oder von einem öligen Film bedeckt. Dann verschwand mein Spiegelbild und ich sah die mir so bekannte Ratshalle. Ich grinste. Es hatte funktioniert.
Die Halle war zu dieser Zeit leer, die nächste Sitzung stand erst am nächsten Morgen an. Ich stellte fest, dass ich mit einfachen Gedanken das Bild bewegen konnte, so dass ich den Raum aus verschiedenen Blickrichtungen betrachten konnte. Nachdem ich mich kurz abgewandt hatte, war jedoch wieder nur mein eigenes Spiegelbild in der glatten Oberfläche zu sehen.
In den nächsten Tagen und Wochen benutzte ich ihn immer wieder, meinen Zauberspiegel. Ich lernte, dass ich auch hören konnte, was gesprochen wurde, wenn ich mich auf Menschen konzentrierte und sie heimlich beobachtete. Die durch dieses magische Kleinod gewonnenen Informationen brachten meine Geschäfte gewaltig in Schwung, kein Geheimnis meiner Konkurrenz blieb mir verborgen und meine politischen Gegner konnten keine Intrigen gegen mich spinnen, von denen ich nicht nach kürzester Zeit gewusst hätte. Doch dann, auf dem Höhepunkt meiner Macht und meiner Möglichkeiten, sah ich sie.
Ich bespitzelte gerade einen meiner ärgsten Widersacher, als meine Aufmerksamkeit von einer jungen Dame im Hintergrund der Szene gefangen wurde. Sie war das liebreizendste Wesen, auf das meine Augen jemals fielen und ich war ihr sofort verfallen. Im Nu war der eigentliche Zweck meiner Sondierung vergessen und ihr Antlitz füllte den gesamten Spiegel vor mir aus. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit ihr zuzuschauen, sie zu bewundern und alles über sie zu erfahren.
Sie schien eine Freundin der Tochter meines Feindes zu sein, jedenfalls gingen die beiden Mädchen sehr freundschaftlich miteinander um. Ich sah ihnen beim Essen zu, beim Spaziergang durch die Gärten und beim Herumalbern über belanglose Themen. Ich vergaß darüber vollkommen die Zeit.
In den nächsten Tagen ging es bergab mit mir. Ich verpasste immer wieder Ratssitzungen. Der Zauberspiegel, der mir eigentlich nur für geschäftliche Zwecke dienen sollte, wurde von mir nur noch für die Beobachtung meiner Angebeteten benutzt. Kaum hatte ich am Morgen das Bett verlassen, begab ich mich zu meinem Fenster in die Welt und dachte an ihr hübsches Gesicht. Den Rest des Tages verbrachte ich zumeist mit ihr, wenn auch nur von ferne. Ich aß wenig, vernachlässigte meine Geschäfte und mein Haus. Ich ließ meine Freunde und Verbündeten durch Diener abwimmeln, auch wenn ihre Anfragen immer dringlicher wurden. Ich nahm es kaum wahr, aber auch meine Dienerschaft wurde kleiner, da ich mich mit Dingen wie Lohnzahlungen nicht auseinander setzen wollte.
Dann kam das Ende. Eines Tages sah ich sie mit einem jungen Mann auf einem Spaziergang. Sie hatte sich bei ihm unter gehakt und lachte über einen blödsinnigen Scherz, den er gemacht hatte. Mein Herz zerriss fast bei diesem Anblick und meine Eifersucht wurde geweckt. Wie konnte er es wagen meine Geliebte anzusprechen, zu berühren, womöglich zu verführen? So sehr ich mir auch einreden wollte, dass sie ihn sicherlich abweisen und mir treu bleiben würde, so sehr sprachen auch alle Anzeichen dagegen. In der folgenden Zeit sah ich ihn immer häufiger in ihrer Gegenwart. Sie verbrachten die Nachmittage miteinander, einige Male besuchten sie gemeinsam ein Theater. Meine Verzweiflung und meine Wut auf meinen Nebenbuhler wuchs stetig an, doch was sollte ich tun? Ich konnte nur hilflos zusehen, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Konnte sie nicht sehen, dass er nur mit ihr spielte, dass er sie verletzen würde? Er war nicht gut für sie.
Beim letzten Mal, als ich die beiden durch den Spiegel beobachtete, gingen sie am späten Abend durch die Gärten. Ich schrie gepeinigt auf, als er sich herunter beugte und sie küsste, sie wehrte sich nicht, ließ es zu. Hasserfüllt sah ich, wie er sie zu einer Bank führte und seine Liebkosungen fortsetzte. Ich konnte doch nicht einfach nur zusehen, ich musste handeln! Jeder hätte in dieser Situation gehandelt, wenn er noch einigermaßen bei klarem Verstand gewesen wäre. Seit Wochen zum ersten Male fiel mir auf, dass ich ja nur Ereignisse beobachtete, die wahrhaftig gerade stattfanden. Ich konnte eingreifen, ich musste mich nur von dem Spiegel losreißen.
Dies gestaltete sich sehr schwierig. Ich musste meine gesamte verbliebene Willenskraft einsetzen, um nur den Kopf zu drehen. Als das Bild der beiden auf der Bank verschwunden war, blickte ich in mein Gesicht. Ich hatte anscheinend etwas abgenommen. Eine Rasur würde mir gut tun. Aber die kalte, klare, ein wenig fiebrige Entschlossenheit in meinen weit aufgerissenen Augen machte mir Mut. Mit einer schnellen Handbewegung stieß ich den Zauberspiegel um, der mich so lange gefangen hatte. Ich würde nun aktiv werden und nicht länger der Zuschauer sein. Er zersprang auf dem kalten harten Steinboden in tausend Scherben. Ich grinste breit und griff mir die größte von ihnen, achtete nicht auf das Blut, das mir dabei über die Hand lief, als die scharfe Bruchkante in mein Fleisch schnitt. Den Weg in die Gärten kannte ich, ich würde die beiden schon finden und mir dann nehmen, was mir gehörte.
Im Hinausgehen glaubte ich kurz das breite Grinsen und die Zahnlücken des Hexenmeisters in einem der Spiegelfragmente am Boden zu sehen, dann war es das liebliche Lächeln meiner Angebeteten; doch bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es nur mein eigenes Spiegelbild war.

Donnerstag, 20. März 2014

Story: Bekenntnisse eines Suizidalen

Guten Tag. Mein Name ist Jan und ich bin, wenn Sie dies lesen, soeben von einem Hochhaus gesprungen. Ich wurde nicht gestoßen, niemand hat mich gezwungen dies zu tun, ich habe aus freien Stücken und im (vielleicht nicht vollen) Besitz meiner geistigen Kräfte entschieden meinem Leben ein Ende zu machen. Es gibt viele Worte dafür: Selbstmord, Freitod, Selbsttötung... ich persönlich bevorzuge „Suizid“. Es wirkt gleich viel gebildeter, wenn das Wort, das man verwendet, aus dem Latein kommt und es verschleiert auf diese Weise auch noch wunderbar die gewalttätige Endgültigkeit der Handlung.

Ich nehme im Sturz Fahrt auf, ich spüre den Wind auf meiner Haut und sehe das oberste Stockwerk an mir vorbeirauschen. Interessant, dass ich Ihnen das noch immer mitteilen kann, was? Auch wenn der Weg nach unten der letzte Moment meines Lebens sein mag, so zieht er sich doch hin wie Kaugummi, Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Stunden und ich falle und falle. Ich kann unten den Grund sehen, der sich nähert, die Höhe des Gebäudes habe ich bewusst gewählt, ich wollte sicher gehen, dass nichts falsch läuft. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf, ob ich wohl bis unten die maximale Fallgeschwindigkeit erreichen werde. Erinnerungen an den Physikunterricht erscheinen vor meinem geistigen Auge, doch ich weiß nur noch, dass es mit der Masse des fallenden Gegenstandes und der zurückgelegten Entfernung zusammenhängt. Fallender Gegenstand. Das bin ich dann nun wohl auch. Ein physikalisches Experiment.

Ich hatte ein wenig den Film meines Lebens erwartet, der während des Sturzes abläuft. Ich bin nicht sonderlich enttäuscht, dass die Vorstellung ausbleibt. Hätte ich ein bemerkenswertes Leben voller filmwürdiger Highlights gehabt, wäre ich wohl nicht gesprungen, eine Wiederholung meines vielfachen Versagens ist nicht in meinem Interesse. So viele Fenster, so viele Stockwerke, die an mir vorbei sausen. Wer mag dahinter wohl leben, wie mag es diesen Menschen gehen? Ob einer von ihnen meinen Sturz bemerkt? Nun regt sich doch ein schlechtes Gewissen in mir, denn mir wird bewusst, dass jemand die Sauerei, die ich gleich da unten anrichten werde, entdecken und jemand sie auch entfernen muss, zwei Aufgaben, die sicherlich nicht viel Freude bereiten. Es ist ein selbstsüchtiger Schritt, den ich da gegangen bin, doch es gibt einige Schritte im Leben, die man nur vorwärts, aber niemals zurück gehen kann.

Der Boden kommt nun rasant näher, ich erkenne bereits die Pflastersteine, die gleich meinen Schädel zum Platzen bringen werden. Zumindest hoffe ich das, es erschien mir als die schnellste Lösung mit dem Kopf voran zu fallen, ein Aufprall und ein möglichst unmittelbares Ende. Doch ich merke, dass der Plan wohl nicht so ganz aufgeht, mein Körper fällt nicht etwa gerade sondern ist ins Schlingern geraten. Ich drehe mich bei meinem Sturz und kann nun nicht mehr sicher sagen, welcher Teil meines Körpers zuerst aufschlagen wird. Das habe ich so nicht gewollt, doch ich gehe davon aus, dass es egal ist, der Aufprall dürfte auf jeden Fall tödlich enden. Auf die eine oder die andere Weise.

Der Wind zerzaust mein Haar und ich spüre ein Frösteln, es ist kalt hier an der Luft. Aber die Kälte wird bald vergehen. Ich denke an meine Freunde und meine Familie, für die ich Abschiedsbriefe hinterlegt habe. Zwar war der Schritt halbwegs spontan, doch habe ich schon lange mit dem Gedanken gespielt, es war dann keine große Sache alles so in die Wege zu leiten, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie werden sie wohl darauf reagieren, wie wird ihr Leben weitergehen? Bei den meisten wird sich wohl wenig ändern, ich kann mir denken, dass es sie nicht sonderlich trifft. Einige werden wohl eher wütend sein als traurig und mich hassen für das, was ich hier gerade tue. Und einige... ich sehe zwei Gesichter vor mir, aufgelöst in Tränen. Für sie wird das Leben nie mehr so sein, wie es war, ich tue ihnen sehr weh. Ich schlucke, es ist schwer, ich habe einen Kloß im Hals.

Ich versuche diese Gedanken zu vertreiben, doch sie haben sich festgesetzt. Kennen Sie das, wenn Sie krampfhaft versuchen nicht an etwas bestimmtes zu denken? Ziemlich sicher gelingt das nicht. Was mache ich hier, was fällt mir ein? Selbstbestimmung über sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod ist ja schön und gut, aber ich mache hier mehr kaputt als nur meinen Körper. Ich liebe diese Menschen und will nicht dass es ihnen schlecht geht, ich hätte niemals springen sollen, ich... ich schlage auf. Der Aufprall drückt mir alle Luft aus dem Körper, es tut höllisch weh, auch wenn ich gehofft hatte, dass ich das nicht mehr spüre. Knochen bersten, mein Blut spritzt überall hin, Organe werden zerquetscht, die Schmerzen steigern sich ins Unermessliche. Und dann öffne ich die Augen.

Ich sehe nach unten, trete zügig einen Schritt von der Kante des Daches zurück. Ich zittere am ganzen Körper, während ich tief durchatme und versuche mich zu beruhigen. Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon stand, wie jedes Mal habe ich mein Zeitgefühl verloren. „Ich werde auch heute nicht springen!“ Die Worte kommen erst sehr leise, ich muss mich räuspern, und wiederhole sie noch einmal, lauter, klarer, deutlicher. Während ich mich weiter vom Dach zurückziehe und mich der Treppe nach unten nähere, kann ich wieder besser atmen, spüre das Sonnenlicht auf der Haut und höre den Lärm der Stadt dort unter mir. Ich nicke dem Rand zu, meiner Hassliebe, und murmele „Bis morgen“. Vielleicht auch erst übermorgen oder nächste Woche. Wer weiß schon, was kommen wird?

Donnerstag, 28. November 2013

Story: Jahreswechsel

Ein dünnes Lächeln, das gerade eben seine Augen erreichte, erschien auf Lukas' Gesicht, als er die SMS las. Am Rande registrierte er, dass er schon länger nicht mehr ehrlich und tief empfunden gelächelt hatte, die Muskelbewegung seines Gesichtes fühlte sich schon fast ungewohnt an. Offensichtlich war sein langer Brief im weit entfernten München bei seiner Schulfreundin angekommen, die dort seit einigen Jahren studierte. Der Kontakt war mehr oder minder eingeschlafen, was beide bei den seltenen Gelegenheiten der Kommunikation sehr bedauerten. Sie freute sich der SMS nach sehr über den Brief, den er mit Bildern aus der Heimat und amüsanten Anekdoten gefüllt hatte. Immer noch lächelnd tippte Lukas eine Antwort in sein Handy. Im Gegensatz zu ihr war er nicht sonderlich herumgekommen, er wohnte noch immer nur knapp 20 km von seinem Elternhaus entfernt, während sie vor und während ihres Studiums die halbe Welt bereist hatte. Nachdem die kurze und freundliche Antwort verschickt worden war, steckte Lukas seine Hände tief in seine Hosentaschen um sie aufzuwärmen. Der Winter hatte, wenn auch noch nicht dem Kalender nach, Einzug gehalten, ein eisiger Wind wehte durch die Straßen und ging durch Mark und Bein.

Das Ende des Jahres stand bevor, überall tauchten leuchtende Dekorationselemente auf, die Fußgängerzone stand voller Buden, aus denen es abwechselnd nach altem Fett oder Zucker roch und die Menschen rannten umher, als würden sie gejagt werden. In etwas weniger als einem Monat stand Weihnachten ins Haus und wie in jedem Jahr mussten riesige Mengen an Präsenten herangeschafft werden, um alle Familienmitglieder, Freunde und in einigen Fällen wohl auch noch Nachbarn und Haustiere zufrieden zu stellen. Lukas hatte kaum einen Blick für das gestresste Treiben um ihn herum, gedankenverloren und eher instinktiv wich er immer wieder Passanten aus. Auch er suchte etwas, doch war es etwas ganz anderes.

Das Vorhaben stand seit einigen Wochen für ihn fest. Auch über die Zeit war er sich schon sicher, Silvester sollte es passieren, im Idealfall um Mitternacht. Das wo und das wie gestalteten sich allerdings schwieriger. Er hatte schon in der Vergangenheit häufiger über diese Möglichkeit nachgedacht und auch über Methoden es durch zu ziehen. Er wollte, dass es schnell und einigermaßen schmerzlos ginge, was gar nicht so leicht war, wie er durch seine Recherchen erfahren musste.

Aufmerksam blickte er sich auf seinem Weg in der Stadt um, betrachtete nachdenklich und kritisch hohe Gebäude, Brücken und Denkmäler. Die meisten Brücken waren ihm nicht hoch genug, die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges war gering. Hohe Gebäude waren genug vorhanden, doch stellte sich hier die Frage des Zugangs. Er musste bedenken, dass er mitten in der Silvesternacht in das Haus hinein und auf das Dach gelangen musste ohne aufgehalten zu werden. Brücken waren da natürlich einfacher, weil frei zugänglich. Lukas legte seinen Kopf in den Nacken um die Spitze eines Kirchturms zu betrachten. Nun ja, vermutlich nicht praktikabel.

Es fing vor einigen Jahren an, dass Lukas begonnen hatte sich Ultimaten zu setzen. Aus Unzufriedenheit mit seinem Leben, Depression und Furcht vor der Zukunft hatte er oft an speziellen Terminen wie seinem Geburtstag, Silvester, Weihnachten oder ähnlichem mit sich selbst ausgemacht, es in einem Jahr zu tun, wenn er bis dahin sein Leben nicht im Griff hätte. Doch er hatte es niemals umgesetzt, ihn hatte jedes Mal der Mut verlassen... oder hatte er ihn wieder gefunden? In diesem Jahr war es anders. Woran es lag, konnte er nicht sagen, aber es war ihm von einem auf den anderen Moment klar geworden. Er würde es tun, er würde planvoll vorgehen und sich vorbereiten, es konnte nur noch diese Lösung geben.

Auf einer der Brücken, die aus der Innenstadt hinausführten, blieb Lukas stehen und blickte hinab. Die Höhe mochte genügen, das Geländer war kein Hindernis und der Ort war leicht erreichbar. Vermutlich würden an Silvester einige Leute hier sein um das Feuerwerk zu betrachten, selbst Dinge in die Luft zu sprengen oder einfach nur in Gesellschaft den Jahreswechsel zu feiern. Lukas dachte kurz nach, war sich dann aber sicher, dass sie ihn wohl kaum würden aufhalten können, wenn sie es überhaupt bemerkten. Er ließ seinen Blick über die Straße wandern, die sich in einiger Entfernung unter ihm entlang zog und auf der Autos dahin rasten. Der Verkehr würde an Silvester kein Problem sein, die Höhe machte ihn allerdings nun doch skeptisch. Es würde genügen müssen, einen besseren Ort konnte er nicht finden. Kopf voran, dann sollte nichts schiefgehen.

Zum planvollen Vorgehen gehörten auch Gedanken an seine Freunde und Familie. Mit der zweiten hatte er sich bereits vor Jahren zerstritten, doch gab es noch einige Leute, die ihm etwas bedeuteten, und von denen er glaubte, dass er ihnen auch etwas bedeutete. Beinahe hätte er an dieser Stelle seinen Plan wieder verworfen. Nach einigem Nachdenken und Abwägen entschied er sich auch hier für eine methodische Vorgehensweise. Er würde sein Bestes geben um den Menschen, die er mochte, noch ein letztes Mal ein gutes Gefühl zu geben, als vorgezogene Abbitte für seine Tat, als Zeichen der Zuneigung, um sich selbst besser zu fühlen, wie es viele Wohltäter wohl tun. Begonnen hatte er vor zwei Tagen mit dem Brief an seine Schulfreundin, weitere Briefe und Karten hatte er heute in den Briefkasten geworfen, bevor er sich auf die Suche nach dem geeigneten Ort gemacht hatte.

Zurück in seiner kleinen Wohnung ließ Lukas sich in seinen Sessel fallen ohne das Licht einzuschalten. Die Stille war erdrückend und er hielt es nur wenige Minuten aus, dann musste er den Fernseher einschalten. Belangloses Geplapper und Gedudel übertönten seine Gedanken und sorgten für einen Augenblick der Entspannung. Der Moment glitt schnell vorbei und er spürte den Tatendrang in sich. Lukas startete seinen Laptop und rief die Liste auf. Er hatte all jene Personen, denen er noch etwas Gutes tun wollte, zusammengetragen und brütete nun über den Namen. Er hatte noch einiges vor sich.

In den nächsten Tagen war Lukas sehr aktiv. Er kündigte seine Arbeit und verkaufte einen großen Teil seines Besitzes, den er bald ohnehin nicht mehr brauchen würde. Das Geld wollte er verwenden für die vielen kleinen Aktionen, die er für seine Freunde geplant hatte. Pakete mit kleinen Geschenken wurden im nächsten Schritt an verschiedene Orte verschickt, jedes speziell und passend für die jeweilige Person ausgewählt. Lukas verabredete sich an jedem Tag mit jemandem, widmete all seine Zeit den Menschen, die er liebte. Manch einer reagierte überrascht oder verwundert, alle freuten sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Lukas blühte in diesen Tagen und Wochen förmlich auf und lebte so intensiv, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er wurde ebenfalls oft eingeladen und verbrachte viel Zeit mit seinen Freunden, doch stets wich er der Frage nach der Silvesterplanung aus und gab vor, bereits etwas anderes geplant zu haben.

Der große Tag rückte näher. Weihnachten kam und ging und plötzlich wachte Lukas auf und es war Silvester. Er blieb an diesem Tag lange im Bett liegen und starrte an die Decke. Nachdem es nun endlich soweit war, fühlte er sich doch wieder unsicher. Sollte er es tatsächlich tun? Der Monat, der hinter ihm lag, war so anders gewesen, als die trüben Tage zuvor, die ihn zu dieser Entscheidung getrieben hatten. Irgendwann ließ er seinen Blick aus dem Fenster hinaus gleiten, sah die graue Wolkendecke und die Regentropfen an der Scheibe. Er kletterte aus dem Bett und bereitete sich für den Tag vor. Draußen hörte er die ersten Feuerwerkskörper, die von Ungeduldigen gezündet wurden.

Der Tag zog sich hin wie Kaugummi, immer wieder schaute Lukas auf die Uhr und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Am frühen Nachmittag verließ er seine Wohnung um einen Stapel mit vorbereiteten Briefen einzuwerfen. Er wollte seine Angelegenheiten geregelt wissen und hatte an all jene Unternehmen und Ämter, die Teil seines Lebens waren, erklärende Briefe und Kündigungen geschrieben, Banken, Versicherungen, Telefongesellschaft,... und er hatte Abschiedsbriefe an seine Freunde vorbereitet, für jeden von ihnen einen einzelnen, individuellen, in dem er sein Verhalten zu erklären versuchte und um Verständnis bat. Die Briefe würden wohl am 2. oder 3. bei den Empfängern eintreffen, Tage nachdem er es getan hatte.

Der Abend brach an. Lukas aß ein wenig, hatte aber eigentlich keinen Hunger mehr. Aus den Häusern und Wohnungen ringsum hörte er Gelächter und Feiern, draußen knallte und blitzte es inzwischen fast ununterbrochen. Die letzten Stunden bis Mitternacht kamen ihm wie die längsten seines Lebens vor. Immer wieder kamen ihm Zweifel, ob er das richtige tat. Doch letztlich war es nun zu spät, er hatte bereits allen mitgeteilt, was er tun würde, ein Rückzieher war nicht mehr möglich. Kurz vor Mitternacht zog er sich an, löschte alle Lichter in der Wohnung und zog alle Elektrogeräte vom Netz ab. Ein Schreiben mit Anweisungen, was mit seinem verbliebenen Besitz zu geschehen habe, legte er gut sichtbar auf den Küchentisch. Sein Handy, seine Uhr und seine Brieftasche legte er daneben, er würde beides nicht mehr brauchen. Er blickte sich noch ein letztes Mal um, verließ dann die Wohnung und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Den Schlüssel ließ er stecken, er würde auch ihn nicht mehr brauchen.

Unten auf der Straße feierten die Menschen den bevorstehenden Jahreswechsel. Der Regen hatte aufgehört und es wäre wohl eine sternenklare Nacht gewesen, wäre die Luft nicht von Raketen und Schwefeldämpfen erfüllt gewesen. Lukas nickte einigen Nachbarn zu und machte sich dann auf den Weg. Er gab sich alle Mühe den Menschen auszuweichen, ganz gelang es ihm nicht, er wurde einige Male von offenbar übermäßig euphorischen Fremden in den Arm genommen und eingeladen mit ihnen zu feiern. Etwas verlegen lehnte er jedes Mal ab und bemühte sich sein Ziel zu erreichen.

Die Brücke war, wie er es erwartet hatte, von einigen Leuten als Aussichtspunkt gewählt worden, doch hielt sich die Menge in Grenzen. Lukas hielt sich von ihnen fern und lehnte sich an das Geländer. Neben all den blitzenden und leuchtenden Farbspielen konnte er den Kirchturm sehen, an dessen Uhr die Zeiger sich nun unaufhaltsam Mitternacht näherten. Nachdenklich schaute er nach unten. Tatsächlich fuhren heute keine Autos und glücklicherweise hielten sich auch keine Menschen dort auf. Es schien alles nach Plan zu verlaufen.

Die Glocke schlug. Es war so weit. Lukas ließ einen langen Blick über das Feuerwerk schweifen, das nun, als das neue Jahr anbrach, noch viel farbenprächtiger und ausgelassener zu werden schien. Er hörte überall die Menschen, die sich in die Arme fielen und sich ein frohes neues Jahr wünschten, als er sich langsam an dem Geländer hochzog. Die Glocke schlug noch mehrmals, der letzte Zweifel regte sich in Lukas' Geist, als er dort stand, unter sich die Leere und der harte Asphalt. Kurz überlegte er wieder herunter zu steigen, da hörte er hinter sich überraschte, erschrockene Stimmen, die sich ihm schnell näherten. Offenbar wollte man ihn von seinem Vorhaben abhalten, die Entscheidung war gefallen. Lukas atmete durch, der letzte Atemzug seines Lebens, dann trat er ins Leere.

In seiner dunklen Wohnung begann sein Handy zu piepen und zu vibrieren, als die Neujahrsgrüße seiner Freunde eingingen.

Dienstag, 2. Juli 2013

Story: "Im Auftrag der Toten"

Dies ist der Bericht eines von mir verkörperten Charakters des letzten Liverollenspiels, auf dem ich war. Da das Spiel mit den anderen in meiner Gruppe sehr schön war, wollte ich es einmal niederschreiben, was passiert ist, aus der Sicht des erwähnten Charakters, auch wenn er am Ende das Zeitliche gesegnet hat.

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Wie kam es nur dazu? Was hatten wir erwartet, wie es ausgeht? Wäre auch ein anderes Ende möglich gewesen, hätte die Macht des falschen Königs gebrochen werden können? Vielleicht... doch ich sollte am Anfang beginnen.

Die Baroness hatte mich zu sich gerufen von seltsamen Träumen und Stimmen geplagt, die ihr seit Wochen den Schlaf raubten. Doch so müde sie auch wirkte, sah ich doch zum ersten Male seit beinahe einem Jahrzehnt wieder ein dünnes Lächeln auf ihrem Gesicht, in ihren Augen glitzerte Hoffnung, die sie eigentlich schon lange begraben hatte. Ihren Verlobten hatte sie im Schlafe gesehen, er habe sie angesprochen und habe ihr mitgeteilt, es gäbe eine Möglichkeit für ihn zurück zu kehren aus dem Dunkel des Todes. Zweifelnd sah ich sie an, sie muss diesen unausgesprochenen Zweifel erkannt haben, bemühte sie sich doch die Glaubwürdigkeit ihrer Visionen deutlich zu machen. Ich konnte es kaum glauben und wollte es doch, zerriss es mir doch jedes Mal aufs Neue das Herz, wenn ich sie still weinen und trauern sah. Zwar hielt ich diese ganze Geschichte für suspekt und seltsam, dennoch erklärte ich mich dazu bereit mit zwei weiteren Getreuen der Anleitung der Stimme zu folgen und dem verstorbenen Geliebten meiner Herrin zur Hilfe zu eilen, auch wenn dies möglicherweise eine Falle war und unser Ende bedeuten würde. Meine Erinnerungen an den Weg zur angegebenen Stelle sind verschwommen und werden immer undeutlicher. Schon seltsam, wie mein eigenes Leben in der weltlichen, der mundanen Sphäre in immer weitere Ferne rückt und ich Mühe habe, mich an das Gesicht der Baroness zu erinnern, die uns zum Abschied von den Zinnen der Burg zuwinkte...

Dunkelheit. Dunkelheit und eine Stimme. Das war es, was ich beim Übergang erlebte. Eine kriecherische Stimme, die offenbar die Mächte der Verderbnis anrief, voller Entsetzen fand ich mich in einem rituellen Achtstern wieder, als die Dunkelheit wich, ein widerlicher kleiner Mann spie allerlei Beschwörungsformeln und Flüche gegen die guten Götter hervor, ringsum erkannte ich meine Begleiter und andere, die ich nicht kannte und die aus fernen Ländern zu stammen schienen. Die Landschaft sah aus wie ein normaler Wald und dennoch... genauere Blicke offenbarten Unterschiede, die Art der Bäume hatte ich noch nie gesehen, alles wirkte auf seltsame Weise künstlich. Das Gefasel des Kultisten endete und er führte uns, die wir noch ganz perplex und verwirrt vom Übergang an diesen Ort, „irgendwo im Inferno“, wie uns unser abscheulicher Ortskundiger mitteilte, an den Hof finsterster Kreaturen, deren Beschreibung allein eine Gefahr für das Seelenheil unbescholtener Menschen darstellen würde. Und dort sahen wir ihn... er war es tatsächlich, der Verlobte meiner Herrin stand vor uns, sprach und war offenbar überrascht uns zu sehen. Wie es zu erwarten war, die ganze Sache war eine Falle der anwesenden dämonischen Wesenheiten.

Was hätten wir tun sollen, wie hätten wir uns verhalten sollen? Der Wille zum Widerstand war vorhanden bei uns, die wir doch lebendig an diesen Ort des Schreckens gekommen waren, doch wir sahen, wie die versammelten Toten, die durch die Macht unseres unmenschlichen Gastgebers wieder Körper und Verstand an diesem Ort erhalten hatten, vor jenem das Haupt beugten und sich auf alles einließen, was er ihnen mit vor Lug und Trug triefender Stimmer versprach. Zurück ins Leben wollte er jene bringen, die sich in den Spielen, die er veranstalten wollte, durchsetzten. Selbst unser Herr, zu dessen Unterstützung wir hergeeilt waren, schien sich auf diesen schändlichen Handel ein zu lassen, auch wenn wir ihn warnten und anflehten, den grausamen Anhängern des Weltenvernichters nicht zu glauben.

Hatte ich dafür 5 Jahre lang im Krieg gekämpft gegen jene, die uns nun als ihre „Gäste“ zu allerlei Schandtaten und auch zur Zwietracht untereinander anhielten? Immer furchtbarer wurden die Spiele, die abgehalten wurde, so gut wir es konnten, entzogen wir uns, ungläubig mussten wir jedoch mit ansehen, wie unser Herr offenbar bereit war, den gleichen Weg wie jene schwachen Seelen einzuschlagen, die all jene Abscheulichkeiten mitmachten nur für die trügerische Hoffnung auf eine Rückkehr ins körperliche Leben.

Dann holten sie ihn zu sich, drohten ihn zu opfern, ihm den Kopf abzuschlagen und diesen buchstäblich als Spielball zu benutzen. Starr vor Schrecken betrachteten wir die Szene, sie wollten ihn zwingen einen anderen der Anwesenden zu benennen, auf das sie ihm diese schreckliche Schändung des Körpers antun könnten. Doch der Herr blieb standhaft und mit ruhiger Stimme teilte er den geifernden Dämonen und dem restlichen Abschaum mit, dass, wenn sie denn jemanden quälen und opfern wollten, sie ihn nehmen sollten, damit niemand anders dieses Schicksal zu erleiden hätte. Wir, die wir gekommen waren, ihn zu retten, traten vor um unsere eigenen Köpfe an seiner statt anzubieten, was unseren Herrn mit Schrecken erfüllte, wollte er doch nicht, dass jemand für ihn stürbe. Doch die wankelmütigen Dämonen hatten sich längst für einen anderen entschieden, den sie quälen und töten könnten und schickten uns alle wieder weg aus ihrem Thronsaal. Erschüttert, aber noch nicht gänzlich überzeugt, wollte unser Herr weiter an den Spielen teilnehmen.

Doch dazu sollte es nicht kommen, denn an seiner statt wurde der Oger in den Thronsaal geschleppt und auf den schwarzen Opfertisch in der Mitte des Raumes gebunden. Ich kann nur vermuten, was sie ihm bereits alles angetan hatten, als sie nach unserer Heilerin schicken ließen, die die bedauernswerte Kreatur wieder stabilisieren sollte, damit sie weiter ihre Greueltaten an ihr verüben konnten. Ich versuche das Bild aus meinem Kopf zu vertreiben, doch es gelingt mir nicht, ich kann nicht vergessen, wie die Dämonen und ihr menschliches Gefolge ringsum lachten und sich amüsierten über die Qualen, die dem Oger zugefügt wurden, wie er schrie und litt, wie die beiden abscheulichen Kreaturen, die ihn folterten, mit kalter Stimme den Zuschauern beschrieben, was sie ihm antaten. Noch schlimmer waren jedoch die Teilnehmer der Spiele, die Toten, die offenbar inzwischen Gefallen an dem Treiben der Dämonen gefunden hatten und ebenfalls voll perverser Freude zusahen, wie das Blut floss. Angewidert wollte ich mich abwenden, doch ich konnte es nicht, musste die Szene mit versteinerter Miene beobachten. Der Heilerin gebührt alles Lob ob ihres Mutes: Anstatt zu tun, weshalb man sie gerufen hatte und die Wunden zu versorgen, sorgte sie heimlich für das Ableben des Ogers. Während die Dämonen sich noch über seinen Tod ärgerten und die Leiche weiter verunstalteten, führte ich sie, über deren Wange die Tränen liefen, schnell aus dem Raum und zurück zu unserem Herrn.

Er hörte sich erschüttert unseren Bericht an, selbst jene, die bei ihm saßen, verstummten. Einige Zeit schwieg unser Herr, dann nickte er, sah uns an und sagte uns, dass wir recht hätten, es könne keinerlei Kooperation mit den Mächten der Verderbnis geben und er dankte uns dafür, dass wir ihn wieder auf den richtigen Weg zurück geführt hätten. Er schien vor unseren Augen zu wachsen, während er sprach und klar stellte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligen könne und dass wir fortan an keinem der Spielchen der Kreaturen mehr teilnehmen würden. Zudem gelobte er alles zu tun um ihre Pläne zu vereiteln oder bei dem Versuch zu sterben. Ich musste schlucken, war mir doch in diesem Moment endgültig klar, dass weder er noch wir jemals wieder lebendig zu seiner Verlobten in die mundane Sphäre zurückkehren würden. Ich versuchte mich an ihr Lächeln beim Abschied zu dieser Mission zu erinnern, doch es gelang mir nicht, schon da war meine Erinnerung an mein Leben getrübt.

Vorbereitungen wurden getroffen. Verbündete wurden gesucht. Pläne wurden gemacht. Doch sollte es alles anders kommen... den entscheidenden Moment verpassten wir. Jener, der den Schlag gegen die Dämonen beginnen sollte, war zu sehr an seiner eigenen, kleinen Existenz und seinen eigenen, kleinen Plänen interessiert und ließ uns im Stich um doch wieder nach den Regeln der Kreaturen zu handeln. Tatenlos mussten wir mit ansehen, wie die Ereignisse im Thronsaal sich überschlugen und wie der falsche König auf schändliche Weise über seine Feinde unter den anderen Kreaturen triumphierte. Hätten wir nun doch nicht handeln sollen? Hätten wir unser Knie beugen sollen vor den dämonischen Mächten und all das verraten, wofür wir gekämpft hatten, im Leben und auch im Tod? Niemals!

Als unser Herr seine Klinge zog, war unser Schicksal, unser Tod eigentlich bereits beschlossen. Dennoch folgten wir ihm mit erhobenen Waffen, als er im Namen des wahren Königs, „für König Warnulf Torwendil!“, seinen Schlachtruf erschallen ließ und sich auf die Geschöpfe des Feindes warf. Ich sah tapfere und gute Menschen fallen unter den Hieben und Klingen der Kreaturen und ihrer menschlichen Diener, ich sah verzweifelten Mut, als unsere Heilerin, die kaum ihr Schwert heben konnte, die Wachen des falschen Königs attackierte und während ich mein bestes tat um meine eigene Haut ebenfalls so teuer wie möglich zu verkaufen, spürte ich die Hand der Frau des falschen Königs auf meiner Schulter. Selbst durch meine Rüstung hindurch fühlte ich die Kälte ihres Griffes, ich hörte gezischte Worte in einer Hexensprache, die ich nicht verstand, dann trübte sich mein Blick, mein Körper wurde unbeweglich und verwandelte sich binnen Sekunden in festen, harten Stein.

Das letzte, was ich sah, war mein Herr, der sich gegen zwei Angreifer zur Wehr setzte und blutüberströmt zusammenbrach. Dann wurden auch meine Augen zu Stein und ich sah und fühlte nichts mehr.

Eine Rückkehr gibt es nicht, weder für mich noch für einen meiner Begleiter oder für unseren Herrn, für den wir das ganze getan haben. Dennoch... bin ich nicht von Trauer erfüllt. Wir haben getan, was getan werden musste, auch wenn es unser eigenes Leben gekostet hat. Wir haben uns den Dämonen der Verderbnis entgegen gestellt und uns ihren Spielchen widersetzt, auch wenn wir sie nicht verhindern konnten. Auch wenn unsere Körper vernichtet, unsere Seelen verloren sind... wir haben uns nicht von ihnen korrumpieren lassen. Niemals hätten wir seiner Verlobten, seinen Freunden oder seinem Vater ins Antlitz blicken können, wäre er zu dem Preis, den die Kreaturen der Verderbnis forderten, ins Leben zurück gekehrt.

Ich weiß nicht, warum ich das erzähle. Ich weiß nicht, wem ich das erzähle. Ich denke nur, so lange mein Geist noch dazu fähig ist zu denken, dass es erzählt werden muss, auf dass es nicht in Vergessenheit gerate und auf dass sich irgendwann vielleicht jemand daran erinnere. Möge es nicht vergessen werden.

Donnerstag, 18. April 2013

Story: Auf verlorenem Posten, alternative Version 2

Dieser Text war ebenfalls als ein möglicher Stimmungstext für ein Liverollenspiel von vor 2 Jahren gedacht, um den Teilnehmern schon bei der Anmeldung die gewünschte Stimmung der Veranstaltung zu vermitteln. Ein anderer wurde genommen, doch dieser ruhte noch auf meiner Festplatte

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„Was war denn das vorhin am Tor?“ fragte Cornelius beiläufig den Wachsoldaten, der neben ihm in der Taverne saß und einen weiteren Krug Branntwein vom Wirt in Empfang sah. Aus leicht glasigen Augen sah der Angesprochene ihn an „Was meinst du?“ Die Zunge des Soldaten schien bereits schwerer zu werden. Lächelnd schob Cornelius dem Wirt, der sich daraufhin schnell entfernte, eine Münze rüber „Ich meine diesen Aufruhr vor 2 Stunden. Da scheint ja einiges losgewesen sein, als dieser heruntergekommene Haufen von Soldaten durchs Tor kam. Ich meine, die ganzen Offiziere… so viele Schärpen habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“ Aufmerksam beobachtete er die Reaktion des Wächters, der schwankend nickte und zu erzählen begann:

„Ach das…ja, ich hatte gerade Dienst, als die ankamen. Hätte sie ja fast wieder verjagt, so fertig, wie die aussahen. Hab sie für Fahnenflüchtige gehalten, weil sie aus dem Norden kamen. Aber mein Wachoffizier war anderer Meinung. Hat gleich jemanden losgeschickt, zu seinem Vorgesetzten. Und als der ankam und die Leute gesehen hat und mit ihnen geredet hat, hat er auch jemanden losgehetzt, um seinen Vorgesetzten zu holen. Und so weiter. Irgendwann standen in unserer Wachstube die Offiziere so dicht gedrängt, dass sie sich gegenseitig auf die Füße getreten sind.“ Der Wächter kicherte bei diesen Worten und Cornelius lächelte pflichtbewusst. „Jedenfalls hatten die eine große Kiste dabei, die wir nicht anrühren sollten. Wollte auch keiner, die war… unheimlich. Als würde sie mit einem reden…“ Der Soldat zitterte kurz und kippte einen großen Schluck des Branntweines, bevor er weiter sprach. „Die haben dann die ganze Wache zusammengetrommelt und wir haben dann die Kerle mit ihrer Kiste in die Stadt geleitet. Direkt in den leergeräumten alten Tempel. Ich meine… die Chaos-Bastarde brauchen den ja nicht mehr.“ Wieder konnte er ein Kichern nicht unterdrücken, das Lächeln von Cornelius wurde etwas schmaler. „Zuletzt habe ich noch gehört, dass das wohl in Zukunft noch häufiger passieren wird. Eins der hohen Tiere sagte zu meinem Offizier, dass die anderen Kisten in den nächsten Tagen dann auch eintreffen sollen.“

Der vierte Krug des starken Alkohols zeigte nun langsam immer mehr Wirkung und die Worte des Wächters gingen immer mehr in uninteressantes Geschwafel über. Cornelius hörte auch nicht mehr hin, sondern ging in Gedanken die erhaltenen Informationen durch. Eine Kiste mit unbekanntem Inhalt, die den hadranischen Verrätern anscheinend extrem wichtig war… nein, eine unbekannte Anzahl solcher Kisten, die auf dem Weg nach Laikeria-Stadt sind. Der Wächter, der sich an seinem Krug festhielt, merkte kaum, wie Cornelius aufstand und die schmutzige Taverne verließ. Eilig marschierte er durch die leeren Straßen der Hauptstadt, viele Bürger waren in den vergangenen Wochen nach Süden gezogen, auf der Flucht vor dem heraufziehenden Sturm der Kolten. Cornelius Lächeln ließ einen Straßenhund ängstlich winselnd das weite suchen. Die Flucht würde diesen Fehlgeleiteten nicht helfen, sondern ihre Qual nur herauszögern. Der Schöpfer würde seine Rache an jenen, die ihn verraten hatten, bekommen.

An einem kleinen Haus in einer Seitenstraße hielt er an, klopfte mehrmals in einer komplizierten Folge an die massive Holztür, die kurz darauf knarrend geöffnet wurde. Cornelius stieg eine schmale steinerne Treppe hinab in einen engen Keller. Dort saßen seine Gefährten, wahre Diener Malagashs allesamt, die den Blutrausch der hadranischen Armee überstanden hatten und weiter dem Herrn der Welt dienten, wenn auch nun gezwungenermaßen aus dem Verborgenen. Erfreut blickte Cornelius nacheinander in die erwartungsvollen Gesichter. „Ich habe Neuigkeiten.“
 

Story: Auf verlorenem Posten, alternative Version 1

Dieser Text war als ein möglicher Stimmungstext für ein Liverollenspiel von vor 2 Jahren gedacht, um den Teilnehmern schon bei der Anmeldung die gewünschte Stimmung der Veranstaltung zu vermitteln. Ein anderer wurde genommen, doch dieser ruhte noch auf meiner Festplatte

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„Das ist nicht akzeptabel! Die Königin wird davon erfahren!“ Der Akzent der verilionischen Gesandten verschlimmerte sich noch durch ihr wütendes Schreien, während sie mit hochrotem Kopf vor dem laikerianischen Ducem stand, der ebenfalls von seinem Stuhl aufgesprungen war und sie aus seinem verbliebenen Auge zornig anfunkelte. „Die laikerianischen Legionen halten den Feind seit 2 Jahren in Schach,“ donnerte seine Stimme durch den Kuppelbau des Besprechungsraumes, „wir haben einen enormen Blutzoll gezahlt und ich glaube nicht, dass es zuviel verlangt ist, wenn unsere sogenannten Verbündeten endlich auch ihren Teil in diesem Krieg leisten.“ Die Hand der Verilionerin zuckte bei diesen Worten zu ihren Gürtel, griff dort jedoch ins Leere. Vorsorglich waren vor der Besprechung alle Waffen abgegeben worden, so dass ihr schlanker Degen sich nun nicht ins Herz des Laikerianers bohren konnte. „Wir werden keinen einzigen unserer Soldaten auf diese Weise opfern. Das ist grotesk!“

Wütend verschränkte sie die Arme vor der Brust, doch bevor der Ducem zu einer Antwort ansetzen konnte, mischte sich eine ausgezehrt wirkende, knochige Gestalt ein, die den Streit bisher schweigend verfolgt hatte, wie der Rest des kleinen Kriegsrates, der sich kurzfristig hier im Süden Laikerias eingefunden hatte. „Die unermüdlichen Armeen Heshrars sind bereit an diesem Plan zu partizipieren“ ein glattes Lächeln erschien auf seinen schmalen Lippen, „wir sind sicher, dass die freie Welt es sich nicht leisten kann, diese Dinge zu verlieren und dass sie geborgen werden müssen…um jeden Preis.“

Mögest du im ewigen Feuer Ultors geläutert werden, abscheulicher Nekromant, dachte die Verilionerin, bevor sie sich hilfesuchend dem aklonischen Gesandten zuwandte, der ihren Blick mied. „Auch das Königreich Aklon unterstützt diesen Plan, wenn auch widerstrebend und nur in Ermangelung einer anderen Lösung. Wir wissen um die Wichtigkeit dieser Sache und werden daher den nötigen Schritten zustimmen und unseren Anteil leisten.“ Kopfschüttelnd sank die Verilionerin in ihren Stuhl zurück, während sich der sythische Coronel schwungvoll erhob, seine buntgemusterte Kleidung war eine Beleidigung für jedes modische Empfinden. „Die Fremdenlegion wird ebenfalls Männer abstellen. Verzeiht meine Frage, aber glaubt ihr, dass es funktionieren wird? Dass dieses… Ding geborgen werden kann und dass der Feind getäuscht werden kann?“ Fragend blickte er in die Runde.

„Es muss funktionieren!“ stellte der Ducem fest, die Verilionerin schnaubte verächtlich. „Es sind bereits ausgewählte Elitetruppen unterwegs um die Gegenstände in unseren Besitz zubringen. Andere haben sich auf den Weg gemacht, den Feind zu verwirren, bisher scheinen die Kolten darauf hereinzufallen. Aber um dafür zu sorgen, dass alles gelingt, müssen wir Truppenteile aussenden, die diesen Kommandoeinheiten den Rückzug sichern. Die Kolten dürfen weder den wahren Transport in die Hände bekommen noch dürfen sie merken, dass wir getäuscht wurden.“ Erneut sprang die Gesandte aus Verilion auf und schrie: „Aber damit schicken wir viele Soldaten in den sicheren Tod! Das können wir uns bei den letzten Verlusten vor Murel und in Haralin nicht leisten!“

Wieder war es der Heshrit, der antwortete anstelle des Laikerianers: „Aber können wir es uns leisten, das die Kolten es in Besitz nehmen? Ich halte die zu erwartenden Verluste für vertretbar im Angesicht des Gewinns, den wir daraus ziehen werden.“ Noch einige Einwände folgten, doch nach und nach brach der Widerstand der Verilionerin zusammen. Die Abstimmung des Rates endete einstimmig und nach einigen Höflichkeitsfloskeln machten sich die Gesandten schnell auf zu den Kommandeuren ihrer Truppenkontingente. Armeen mussten bewegt werden wie Schachfiguren und wie beim Schach mussten Bauern geopfert werden, um den Sieg zu erringen.

Donnerstag, 11. April 2013

Story: Ein Hauch von Sommer

Das Sonnenlicht glitzerte durch das dichte Blätterdach über ihm hindurch. Blinzelnd setzte Karl seine Sonnenbrille auf um nicht weiter geblendet zu werden, dann schaute er doch kurz auf. Überrascht stellte er fest, dass er nun wohl schon einige Stunden auf der kleinen Holzbank gesessen und sein Buch gelesen hatte. Offenbar war die Lektüre doch spannender als der unscheinbare Einband und der zähe Einstieg in die Geschichte ihn hatte glauben lassen. Die Sonne war ein gutes Stück weiter gewandert und hatte auf ihrem unaufhaltsamen Weg nun eine Höhe erreicht, die für ein unangenehmes Kribbeln in seinem Gesicht sorgte. Etwas abgelenkt veränderte Karl seinen Sitz auf der Bank leicht, um weiterhin vom Schatten der Bäume um ihn herum zu profitieren. Beiläufig pustete er eine kleine schwarze Spinne, die sich offenbar verirrt hatte, von der geöffneten Seite seines Buches.

Karl liebte es seine freien Tage im Sommer hier auf dieser abgelegenen Parkbank zu verbringen. Vor einigen Jahren hatte er sie entdeckt, etwas versteckt von den Hauptwegen und den großen Liegewiesen, auf denen bei dem schönen Wetter die Menschen wie Sardinen in der Büchse nebeneinander lagen. Sofort hatte er diesen kleinen verschwiegenen Ort sehr zu schätzen gelernt. Er hasste den Lärm und die Hektik, der sich die anderen offenbar so euphorisch hingaben. Hier konnte er in Ruhe lesen oder auch einfach nur die Sonne genießen. Nur äußerst selten verirrte sich ein anderer Spaziergänger hierher und meist verschwanden diese auch sehr schnell wieder um im Trubel und Gewimmel der Stadt aufzugehen.

Karl atmete einmal tief durch und vertiefte sich wieder in sein Buch. Erneut musste er eine Spinne mit einem leichten Pusten von seiner Seite entfernen, sie landete neben ihm auf dem Boden. Die Geschichte war sehr spannend geschrieben. Eigentlich hatte Karl wenig für Horrorromane übrig, zu konstruiert waren sie oft und zu sehr auf simple Schockeffekte reduziert. Diesmal war es jedoch anders, der Horror, der Schrecken, das Absonderliche entwickelte sich langsam, schleichend, aus einer normalen, alltäglichen Situation heraus, in die immer wieder beunruhigende Eingriffe von bisher noch unbekannter Seite vorgenommen wurden. Seite um Seite schien die Welt mehr aus den Fugen zu geraten und all das ohne bildhafte Beschreibungen von unangenehmen Todesfällen und blutigen Gewaltexzessen.

Vor dem Umblättern bemerkte Karl nun schon zum dritten Male am Rand der Seite eine kleine schwarze Spinne. Genervt schnaufte er, dies war der einzige Nachteil der Abgeschiedenheit seines Lieblingsplatzes, er wurde von kleinen Krabbeltieren genau so sehr geschätzt wie von ihm. Etwas verärgert über die erneute Störung schnippte er das Tier mit seinen Fingern vom Buch. In kleinem Bogen flog es durch die Luft und prallte dann vor ihm auf den Kiesweg, wo es mit angezogenen Beinen leblos liegen blieb. Ein kurzer Stich der Scham und Reue durchzuckte Karl, wie es oft bei ihm der Fall war, wenn er absichtlich oder unabsichtlich ein Insekt oder eine Spinne tötete. Kurz blieb sein Blick an dem offenbar toten Tier auf dem Weg vor ihm kleben, dann widmete er sich wieder der Geschichte. Eine besonders aufregende Stelle bahnte sich an, welche seine volle Aufmerksamkeit einfing. Einige Minuten später lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick schweifen. Eine überraschende Wendung in der Geschichte hatte sich ereignet und Karl wollte einen Augenblick darüber nachdenken. Scheinbar glitt der Autor nun mehr und mehr auch in gängigere Horrorklischees ab, zumindest vermittelte das brutale Ableben eines der Protagonisten diesen Eindruck.

Etwas überrascht registrierte er am Rande, dass die tote Spinne verschwunden war. Vielleicht war sie nur betäubt gewesen oder von irgendeinem anderen der vielen krabbelnden Tiere im Umkreis gefressen worden.
Schnell hatte sich dieser Gedanke jedoch wieder verflüchtigt, Karl widmete sich wieder dem Buch auf seinem Schoß. Er war etwas unschlüssig, ob er weiterlesen sollte. Er hatte nichts übrig für vor Blut triefende Romane und Filme, er mochte kein Blut. Selbst bei kleinen Schnittwunden wurde ihm schnell schwarz vor Augen und allzu schnell ging es ihm ähnlich, wenn er von Verletzungen oder Todesfällen las. Allerdings hatte er auch die Angewohnheit ein angefangenes Buch zu Ende zu lesen. Es gab nichts schlimmeres, als mittendrin abzubrechen und dieser Schande hatte Karl sich auch erst wenige Male in seinem Leben hingeben müssen, Fälle, in denen der Autor entweder seitenlang schwafelte ohne das geringste bisschen Spannung aufzubauen oder die von so unendlicher Langeweile geprägt waren, dass er kaum eine Seite lesen konnte ohne zu gähnen oder mit offenen Augen einzuschlafen.

Leise seufzend rückte Karl sich etwas auf der Bank zurecht und senkte wieder seinen Blick auf das Buch um weiter zu lesen. Ein leises Kribbeln am linken Arm ließ ihn zusammenzucken und sich kratzen, dann blätterte er um und folgte dem Helden der Geschichte tiefer in die Abgründe menschlicher und unmenschlicher Seelen. Schaudernd las er die Beschreibungen der nächsten Morde und verfluchte insgeheim seine Besessenheit ein angefangenes Buch zu beenden. Erneut kribbelte sein Arm und er kratzte sich, dies riss ihn wieder etwas aus dem Sog des Schreckens heraus. Karl bemühte sich um Konzentration und las einige weitere Zeilen, ehe wieder dieses kitzelnde Geräusch, wie von kleinen Beinchen, die über seinen Arm glitten, zu spüren war. Er zwang sich dieses Mal nicht zu kratzen, sondern blickte von seiner Lektüre auf und schaute seinen Arm an. Stirnrunzelnd beobachtete er eine weitere kleine schwarze Spinne, die sich seinem Ellenbogen näherte. Langsam und verwundert hob er den Arm und sah, dass das Tier nicht allein war, sondern offenbar von ihrer Zwillingsschwester begleitet wurde. Beide krabbelten immer höher und wären vermutlich in seinem Ärmel verschwunden, hätte Karl sie nicht mit einer schnellen Handbewegung heruntergefegt. 

Eine der beiden schien sich nicht so einfach abschütteln zu lassen, sondern baumelte an einem kurzen Faden einige Zentimeter unter Karls Hand. Flink und geübt erkletterte die Spinne die Hand und wollte sich anscheinend erneut an ihm hochhangeln. Karl reagierte wie zuvor und versuchte das Tier von seinem Arm zu pusten. Verblüfft beobachtete er, wie das kleine Geschöpf seinen Körper runterpresste und seine Beine anlegte um sich gegen den Luftstoß zu stemmen. Kurz darauf begann es wieder zu krabbeln und wurde erst durch ein Schnippen seiner Finger vertrieben. Karl sah sich um und betrachtete die Bank und ihre Umgebung. Etwas verwundert über die aufdringlichen Spinnen schaute er nach weiteren ihrer Art, nach einem Netz oder auch Nest, das er vielleicht unbeabsichtigt beschädigt oder zerstört hatte. Beim Umschauen sah er ein paar andere schwarze Spinnen, die auf der Bank und dem Boden ringsum umherkrabbelten. Verwundert und auf seltsame Art beunruhigt konnte er sehen, dass einige von ihnen offenbar zielgerichtet ihm zustrebten, als lenke sie eine unbekannter Wunsch oder ein Drang, den er nicht erkannte. Langsam klappte Karl das Buch zu und erhob sich von der hölzernen Parkbank und trat einige Schritte zur Seite. Erschrocken sah er zu, wie die wimmelnden Spinnen, von denen es immer mehr zu geben schien, die Richtung wechselten und ihm folgten. 

Karl entfernte sich langsam von seiner Lieblingsbank, behielt dabei die Spinnen im Auge. Sie schienen aus allen Löchern, aus allen Ecken, unter Steinen, Blättern, dem Unterholz hervorzukriechen und es wurden immer mehr. Der Panik nahe wandte sich Karl zur Flucht, doch voller Bestürzung erkannte er, dass auch der Weg hinter ihm voller kleiner schwarzer Spinnen war, die sich ihm näherten. Für einen Moment erstarrte er, ihm war kalt und er wünschte sich aus diesem Traum zu erwachen. Einige der kleinen Tiere begannen an seinen Beinen empor zu klettern. Mit einem leisen Aufschrei und viel Gezappel streifte er die Spinnen ab, doch schnell rückten andere nach und erreichten Hüfte und Arme. Zitternd begann Karl zu laufen, viele der Spinnen wurden einfach von ihm zertreten, andere krabbelten weiter über seinen Körper, über Arme, Hände, seinen Hals, sein Gesicht. Keuchend suchte Karl den Rückweg über den kleinen Pfad, zurück zum Hauptweg, zu den Liegewiesen, zu anderen Menschen. Doch schienen die Bäume immer näher zu rücken, schien der Weg eher schmaler und verlassener zu werden. Spinnen, die über seine Augen krabbelten, machten die Orientierung immer komplizierter. Fahrig versuchte er sie fortzuwischen, doch zerquetschte er eine von ihnen nur, so dass er sich Schleim und Chitinreste in sein linkes Auge rieb. Angeekelt, mit Brechreiz und mit einem Herzen, das ihm bis zum Hals schlug, stolperte er weiter. 

Eine aus dem Boden ragende Wurzel brachte ihn zum Straucheln und er stürzte, sein Buch entglitt seinem Griff und landete irgendwo im Unterholz. Hart schlug Karl auf, er schmeckte Blut auf seiner Zunge und schürfte sich die Hände und Arme großflächig auf. Kurz wurde ihm gänzlich schwarz vor Augen, doch die winzigen krabbelnden Beine auf seinem gesamten Körper holten ihn schnell wieder in die Realität zurück. Ein kurzer Blick verdeutlichte ihm, dass sich die Zahl der Spinnen noch einmal vervielfacht hatte. Es wirkte, als würden mehrere hundert von ihnen über seinen Körper laufen. Sein Blick senkte sich etwas und er sah die Wunden an Händen und Armen, sah das Blut heraus laufen, fühlte den Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzog. Ächzend richtete er sich auf, als ein Stechen seinen rechten Arm ergriff. Mit verzerrtem Gesicht blickte er herab und sah einige Spinnen, die sich den Abschürfungen genähert hatten und ihre kleinen Beißwerkzeuge in sein verletztes Fleisch senkten. Schreiend vor Panik schlug er nach ihnen, was einen neuen Schmerzschub auslöste, als er mit der flachen Hand die Verletzung traf. 

Weitere Bisse durchzuckten wie Nadelstiche seine Beine und Arme. Auch andere Spinnen hatten begonnen kleine Fleischbrocken von den Rändern seiner Wunden zu reißen und zu verspeisen. Mit Tränen in den Augen und schreiend begann Karl sich am Boden zu wälzen und zu rollen in der Hoffnung möglichst viele seiner kleinen Peiniger zu zerquetschen. Doch es waren schlicht zu viele und es schienen immer mehr zu werden, für jeden kleinen schwarzen Körper, den er abschütteln oder töten konnte, tauchten drei andere auf, die auf seinen Leib kletterten. Der Schmerz durch ihre kleinen Kiefer machte ihn schier wahnsinnig, einige weitere begannen durch verschiedene Körperöffnungen in ihn hineinzukrabbeln. Bei jedem Schrei drangen mehr Spinnen in seinen Mund vor, seine Nase verstopfte mehr und mehr, er hörte ihre kleinen Beine in seinen Ohren krabbeln und kratzen. Sie schienen gezielt dünne Hautschichten zu suchen und zu versuchen Löcher in seinen Körper zu beißen. Er spürte das Zwicken und Kneifen an seinen Lidern, seinen Lippen, seinen Ohrläppchen. Das letzte, was er jemals sah, war seine Lieblingsbank einige Meter von ihm entfernt, davor die Silhouetten von vielen achtbeinigen Wesen, die über seine Augen krabbelten, bevor sich gnadenlose hungrige Beißwerkzeuge in seine Augäpfel senkten und sie aus ihren Höhlen fraßen. 

Schreiend vor Schmerzen, griff er immer wieder um sich, erschlug und zerquetschte Spinne um Spinne, doch machte es scheinbar keinerlei Unterschied. Immer weiter drangen sie vor und fraßen sich geradezu in seinen Körper hinein. Karl versuchte mehrfach wieder aufzustehen und sich weiter zu schleppen, doch jedes Mal brach er nach wenigen Schritten wieder zusammen vor lauter Pein. Schließlich war nur noch ein Winseln und Jammern aus seinem Mund zu hören, der voller Spinnen war, die Brocken aus seinem Zahnfleisch bissen und rissen, während das Blut in Strömen aus vielen kleinen Wunden an seinem ganzen Körper lief. Bis zuletzt, bis er aufgrund des Blutverlustes aus dem Leben glitt, spürte er das enervierende Krabbeln und das schmerzhafte Beißen der kleinen schwarzen Spinnen, die zu tausenden aus dem Unterholz gekommen war, hoffte, dass jemand ihn hören und retten würde. 

Als das Schreien schließlich erstarb und als die Kreaturen, gesättigt vom Blut und Fleisch Karls, wieder in der Dunkelheit zwischen den Bäumen und im Unterholz verschwanden, blieben nur einige abgeschälte Knochen sowie ein blutverschmiertes Buch am Ort des Geschehens zurück. Ruhe kehrte wieder ein, nur von fern drang der Lärm der spielenden Kinder und der Sonnenanbeter herüber, die sich auf der Liegewiese im Licht zusammendrängten.