Samstag, 25. Januar 2014

Geläster

Menschen haben die, oftmals unangenehme, Angewohnheit über ihre Artgenossen zu reden, zu lästern und auch gerne mal in Abwesenheit der jeweiligen Person kein gutes Haar an derselben zu lassen. Das muss man nicht mögen, viel dagegen unternehmen kann man aber wohl auch nicht, das ganze scheint ganz normal und natürlich zu sein, wenn es auch bei einigen ein deutlich ausgeprägteres Verhalten ist, als bei anderen.

Nun kann es dem Betroffenen eigentlich vollkommen egal sein, wenn Personen, die ohnehin nicht oder nicht mehr Teil des eigenen Lebens sind, hinter dem Rücken seltsame Geschichten und Bösartigkeiten erzählen, zeigt so etwas doch eigentlich eher die Unzulänglichkeiten dessen, der diese Art von Lästereien betreibt. Ganz rational betrachtet kann man ja davon ausgehen, dass die Folgen für einen selbst eher überschaubar sind.

Freunde, die einem nahestehen, werden solchem Gerede ohnehin wenig Beachtung schenken.

Menschen, die das ganze hinterfragen, werden in der Lage sein sich auch die andere Seite anzuhören und werden den Betroffenen dann um eine Stellungnahme bitten, bei der man die Sache klarstellen kann.

Um all jene, die aufgrund von Geläster sich wortlos aus dem Kontaktkreis verabschieden, weil sie dieses stumpf akzeptieren, ist es eigentlich nicht schade.

Und doch...

Und doch ist es unangenehm zu hören, dass Menschen aus der Vergangenheit die ziemlich bösartigen Ansichten ihrer eigenen kleinen Welt über einen selbst verbreiten. Es gibt mehrere Gründe, aus denen dies unangenehm sein kann, angefangen bei der Tatsache, dass man es unangenehm findet, es unangenehm zu finden, obwohl man ja eigentlich aus den genannten rationalen Gedanken mit entspanntem Desinteresse reagieren sollte. Dazu kommt eine vielleicht unbewusste Angst, dass nahestehende Menschen eben doch die auf diese Art verbreitete Propaganda glauben könnten und dass man sie verlieren könnte. Harmoniebedürfnis, Zorn auf die Lästerer ohne Möglichkeit dem Abhilfe zu schaffen, gekränkter Stolz, Gerechtigkeitsempfinden und auch die enttäuschte Hoffnung gewisse Dinge endlich hinter sich gelassen zu haben... all das kommt wohl noch dazu und sorgt dann für schlaflose Nächte und zielloses Grübeln über die Welt und den eigenen Platz darin.

Letztlich bleibt aber nur, wie so oft, ein überlegter und logischer Umgang mit der Situation. Höflich, ruhig und gefasst reagieren, denn, wie geschrieben, es ist nun einmal vollkommen normal, dass Menschen lästern. Und wenn man es nicht übertreibt, kann es sogar Spaß machen.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Wache Träume

Vielleicht haben das auch schon andere erlebt: Seltsame Situationen reihen sich aneinander, Personen verhalten sich seltsam und alles wirkt irgendwie irreal, bis dann plötzlich die klare und deutliche Erkenntnis zuschlägt: „Ich schlafe... dies ist ein Traum!“ In den meisten Fällen sorgt dieses mentale Augenöffnen auch für ein körperliches und man erwacht, in einigen Ausnahmen verbleibt man jedoch im Schlaf und das Traumerlebnis setzt sich fort. Man ist nun vielleicht mit mäßigem Erfolg bemüht seinen Traum zu beeinflussen und Dinge zu tun, die man noch nie getan hat, doch bleibt meist nur ein etwas schales Gefühl zurück etwas verpasst zu haben. Egal ob man bei der ersten Erkenntnis oder erst später erwacht, man hofft doch stets, dass man, wenn dies erneut passieren sollte, sich selbst besser unter Kontrolle hat und alles anders macht... man hätte doch tun können, was man will.

Ist dieser Gedanke nicht eigentlich ein bisschen traurig? Warum ist es notwendig, dass man einen Wachtraum erlebt um endlich das zu tun, was man will? Können wir nicht in unserem wirklichen Leben unsere Träume ausleben... oder zumindest einen Teil davon? Sind wir so sehr in Verpflichtungen und Alltagstrott gefangen, dass nichts für uns und von uns übrig bleibt?

Natürlich bleiben manche Dinge allein der Traumwelt vorbehalten: Niemand von uns wird jemals aus eigener Kraft fliegen können, übermenschliche Kräfte entwickeln oder mit Fabelwesen sprechen. Doch auch die vielen kleinen, einfachen Dinge, die man erreichen kann, bleiben bei so vielen auf ihre Träume beschränkt und werden niemals in die Realität umgesetzt. Ist es Angst, Trägheit oder Gewohnheit, dass wir uns in unserem wahren Leben selbst beschränken und fesseln und uns alle Mühe geben immer auf dem sichersten und am meisten ausgetretenen Pfad zu wandeln? Vermutlich eine Mischung aus allem.

Vielleicht ist es an der Zeit mehr zu wagen und das Abenteuer der Traumwelt von Zeit zu Zeit auch in den Alltag einzuflechten. Niemand sollte sich jetzt dazu aufgefordert fühlen nackt durch die Straßen zu laufen oder von Häusern zu springen... aber vielleicht reicht es ja schon den Mut aufzubringen das rothaarige Mädchen anzusprechen.

Montag, 6. Januar 2014

Nachdenklich

Bin ich doch mehr Teil des Problems als der Lösung? 
Dass dies für mein eigenes Leben zutrifft, weiß ich schon lange, zu sehr stehe ich mir selbst immer wieder im Weg... aber scheinbar beschränkt sich diese Tatsache nicht nur auf mich.
Schon spannend, was ein paar simple getippte Worte in mir anrichten.
Aber ich habe es wohl auch provoziert.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Wahnsinn des Alltags: Der Weihnachtsmarkt

Es hat durchaus seine Vorteile in der Innenstadt zu wohnen. Einkaufsmöglichkeiten und Unterhaltungseinrichtungen sind fußläufig erreichbar, die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist relativ gut und, da der Heimatort doch im Verhältnis nicht sonderlich groß ist, das Verkehrsaufkommen auf den Straßen hält sich in Grenzen. Doch hat alles Gute, Praktische in dieser Welt auch immer seine Schattenseiten. Eine dieser Schattenseiten offenbart sich einmal jährlich, wenn die Tage kürzer werden und die längste Nacht näher rückt. Sie nennt sich: Weihnachtsmarkt.

Die mittelgroße Stadt rühmt sich ihrer umso größeren Tradition der vorweihnachtlichen Fress-, Plunder- und Saufbuden, die sich mittlerweile auf so gut wie jeder freien Fläche der Innenstadt finden. Ergänzt werden diese sicherlich sehr festlichen Angebote durch Karussells, ein Riesenrad und Straßenmusikanten, die sich von der vorbei drängenden Menschenmasse ein wenig Kleingeld erhoffen, während sie mehr schlecht als recht in der Kälte stehend Weihnachtslieder frei interpretieren. Natürlich wittern auch die Einzelhändler und Gastronomen der Innenstadt das Geschäft und geben sich alle Mühe einen möglichst großen Anteil der besinnlich drängelnden Leute für ihre Angebote zu begeistern. So bietet sich dann dem Eingeborenen bereits an Werktagen, wenn das Personenaufkommen nicht so enorm ist, ein wahrer Spießrutenlauf um sein meist klar definiertes Ziel zu erreichen, wenn er sich aus dem Haus wagt. Verengte Wege durch die bereits Wochen vor Eröffnung aufgestellten Holzbuden, Slalom-Kurse um die weiter ins Sichtfeld verlegten Auslagen der Geschäfte und die vergebene Mühe nicht ständig in Körperkontakt mit völlig Fremden zu geraten, die immer wieder abrupt stehen bleiben, sich quer zur Gangrichtung bewegen und ganz allgemein schrecklich verwirrt scheinen, kennzeichnen den eigentlich harmlosen Gang um noch schnell ein Pfund Zucker aus dem Supermarkt zu holen.

Doch der wahre Schrecken wartet am Wochenende.

Kann man in der Woche in den meisten Fällen als Ortskundiger noch die schlimmsten Engpässe und Ansammlungen von Menschengezücht umgehen und vermeiden, wird dies zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend fast unmöglich. Selbst in kleinen, abgelegenen Straßen, die weit von den bunten und so abwechslungsreichen Angeboten des Weihnachtsmarktes entfernt liegen, tummeln sich kleine oder größere Gruppen von Personen, sei es, weil sie sich verirrt haben oder sei es, weil sie der Meinung sind, dass sie hier die Stimmung besser erleben können. So stellt sich dann dem unschuldigen Spaziergänger, der eigentlich nur etwas frische Luft atmen (was auch schwierig ist, sie scheint in einem Umkreis von hunderten Metern von Bratenfettdünsten und Zuckerhauch erfüllt zu sein) und sich durch etwas Ruhe entspannen wollte, eine ganze Horde entgegen, durch Glühwein alkoholisierte ältere Menschen, quengelnde Kinder, vom Weg abgekommene Touristen, die eine möglichst genau Wegbeschreibung zu der aktuell am weitesten entfernten Sehenswürdigkeit erfragen, Einheimische, die niemals auch nur einen Fuß in diese Straßen gesetzt haben außerhalb des Adventes und noch viele andere angenehme Zeitgenossen mehr. Wenn dann noch Personen in Löwen-, Waschbären- und Kuhkostümen des Weges kommen, ist der Punkt erreicht, an dem nur noch die Flucht in die eigenen vier Wände bleibt, aus denen man all diese seltsamen Kreaturen aussperren kann.

Sicherlich sind solche Ärgernisse absehbar, wenn man sich für eine Wohnung in der Innenstadt entscheidet. Es ertragen und den Jahreswechsel erwarten bleiben die beiden Instrumente, die einem nur bleiben. Und offenbar gibt es auch immer noch die Möglichkeit sich einigermaßen ungestört draußen zu bewegen: Der Spaziergang zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht auf den Sonntag war sehr entspannend.

Donnerstag, 28. November 2013

Story: Jahreswechsel

Ein dünnes Lächeln, das gerade eben seine Augen erreichte, erschien auf Lukas' Gesicht, als er die SMS las. Am Rande registrierte er, dass er schon länger nicht mehr ehrlich und tief empfunden gelächelt hatte, die Muskelbewegung seines Gesichtes fühlte sich schon fast ungewohnt an. Offensichtlich war sein langer Brief im weit entfernten München bei seiner Schulfreundin angekommen, die dort seit einigen Jahren studierte. Der Kontakt war mehr oder minder eingeschlafen, was beide bei den seltenen Gelegenheiten der Kommunikation sehr bedauerten. Sie freute sich der SMS nach sehr über den Brief, den er mit Bildern aus der Heimat und amüsanten Anekdoten gefüllt hatte. Immer noch lächelnd tippte Lukas eine Antwort in sein Handy. Im Gegensatz zu ihr war er nicht sonderlich herumgekommen, er wohnte noch immer nur knapp 20 km von seinem Elternhaus entfernt, während sie vor und während ihres Studiums die halbe Welt bereist hatte. Nachdem die kurze und freundliche Antwort verschickt worden war, steckte Lukas seine Hände tief in seine Hosentaschen um sie aufzuwärmen. Der Winter hatte, wenn auch noch nicht dem Kalender nach, Einzug gehalten, ein eisiger Wind wehte durch die Straßen und ging durch Mark und Bein.

Das Ende des Jahres stand bevor, überall tauchten leuchtende Dekorationselemente auf, die Fußgängerzone stand voller Buden, aus denen es abwechselnd nach altem Fett oder Zucker roch und die Menschen rannten umher, als würden sie gejagt werden. In etwas weniger als einem Monat stand Weihnachten ins Haus und wie in jedem Jahr mussten riesige Mengen an Präsenten herangeschafft werden, um alle Familienmitglieder, Freunde und in einigen Fällen wohl auch noch Nachbarn und Haustiere zufrieden zu stellen. Lukas hatte kaum einen Blick für das gestresste Treiben um ihn herum, gedankenverloren und eher instinktiv wich er immer wieder Passanten aus. Auch er suchte etwas, doch war es etwas ganz anderes.

Das Vorhaben stand seit einigen Wochen für ihn fest. Auch über die Zeit war er sich schon sicher, Silvester sollte es passieren, im Idealfall um Mitternacht. Das wo und das wie gestalteten sich allerdings schwieriger. Er hatte schon in der Vergangenheit häufiger über diese Möglichkeit nachgedacht und auch über Methoden es durch zu ziehen. Er wollte, dass es schnell und einigermaßen schmerzlos ginge, was gar nicht so leicht war, wie er durch seine Recherchen erfahren musste.

Aufmerksam blickte er sich auf seinem Weg in der Stadt um, betrachtete nachdenklich und kritisch hohe Gebäude, Brücken und Denkmäler. Die meisten Brücken waren ihm nicht hoch genug, die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges war gering. Hohe Gebäude waren genug vorhanden, doch stellte sich hier die Frage des Zugangs. Er musste bedenken, dass er mitten in der Silvesternacht in das Haus hinein und auf das Dach gelangen musste ohne aufgehalten zu werden. Brücken waren da natürlich einfacher, weil frei zugänglich. Lukas legte seinen Kopf in den Nacken um die Spitze eines Kirchturms zu betrachten. Nun ja, vermutlich nicht praktikabel.

Es fing vor einigen Jahren an, dass Lukas begonnen hatte sich Ultimaten zu setzen. Aus Unzufriedenheit mit seinem Leben, Depression und Furcht vor der Zukunft hatte er oft an speziellen Terminen wie seinem Geburtstag, Silvester, Weihnachten oder ähnlichem mit sich selbst ausgemacht, es in einem Jahr zu tun, wenn er bis dahin sein Leben nicht im Griff hätte. Doch er hatte es niemals umgesetzt, ihn hatte jedes Mal der Mut verlassen... oder hatte er ihn wieder gefunden? In diesem Jahr war es anders. Woran es lag, konnte er nicht sagen, aber es war ihm von einem auf den anderen Moment klar geworden. Er würde es tun, er würde planvoll vorgehen und sich vorbereiten, es konnte nur noch diese Lösung geben.

Auf einer der Brücken, die aus der Innenstadt hinausführten, blieb Lukas stehen und blickte hinab. Die Höhe mochte genügen, das Geländer war kein Hindernis und der Ort war leicht erreichbar. Vermutlich würden an Silvester einige Leute hier sein um das Feuerwerk zu betrachten, selbst Dinge in die Luft zu sprengen oder einfach nur in Gesellschaft den Jahreswechsel zu feiern. Lukas dachte kurz nach, war sich dann aber sicher, dass sie ihn wohl kaum würden aufhalten können, wenn sie es überhaupt bemerkten. Er ließ seinen Blick über die Straße wandern, die sich in einiger Entfernung unter ihm entlang zog und auf der Autos dahin rasten. Der Verkehr würde an Silvester kein Problem sein, die Höhe machte ihn allerdings nun doch skeptisch. Es würde genügen müssen, einen besseren Ort konnte er nicht finden. Kopf voran, dann sollte nichts schiefgehen.

Zum planvollen Vorgehen gehörten auch Gedanken an seine Freunde und Familie. Mit der zweiten hatte er sich bereits vor Jahren zerstritten, doch gab es noch einige Leute, die ihm etwas bedeuteten, und von denen er glaubte, dass er ihnen auch etwas bedeutete. Beinahe hätte er an dieser Stelle seinen Plan wieder verworfen. Nach einigem Nachdenken und Abwägen entschied er sich auch hier für eine methodische Vorgehensweise. Er würde sein Bestes geben um den Menschen, die er mochte, noch ein letztes Mal ein gutes Gefühl zu geben, als vorgezogene Abbitte für seine Tat, als Zeichen der Zuneigung, um sich selbst besser zu fühlen, wie es viele Wohltäter wohl tun. Begonnen hatte er vor zwei Tagen mit dem Brief an seine Schulfreundin, weitere Briefe und Karten hatte er heute in den Briefkasten geworfen, bevor er sich auf die Suche nach dem geeigneten Ort gemacht hatte.

Zurück in seiner kleinen Wohnung ließ Lukas sich in seinen Sessel fallen ohne das Licht einzuschalten. Die Stille war erdrückend und er hielt es nur wenige Minuten aus, dann musste er den Fernseher einschalten. Belangloses Geplapper und Gedudel übertönten seine Gedanken und sorgten für einen Augenblick der Entspannung. Der Moment glitt schnell vorbei und er spürte den Tatendrang in sich. Lukas startete seinen Laptop und rief die Liste auf. Er hatte all jene Personen, denen er noch etwas Gutes tun wollte, zusammengetragen und brütete nun über den Namen. Er hatte noch einiges vor sich.

In den nächsten Tagen war Lukas sehr aktiv. Er kündigte seine Arbeit und verkaufte einen großen Teil seines Besitzes, den er bald ohnehin nicht mehr brauchen würde. Das Geld wollte er verwenden für die vielen kleinen Aktionen, die er für seine Freunde geplant hatte. Pakete mit kleinen Geschenken wurden im nächsten Schritt an verschiedene Orte verschickt, jedes speziell und passend für die jeweilige Person ausgewählt. Lukas verabredete sich an jedem Tag mit jemandem, widmete all seine Zeit den Menschen, die er liebte. Manch einer reagierte überrascht oder verwundert, alle freuten sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Lukas blühte in diesen Tagen und Wochen förmlich auf und lebte so intensiv, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er wurde ebenfalls oft eingeladen und verbrachte viel Zeit mit seinen Freunden, doch stets wich er der Frage nach der Silvesterplanung aus und gab vor, bereits etwas anderes geplant zu haben.

Der große Tag rückte näher. Weihnachten kam und ging und plötzlich wachte Lukas auf und es war Silvester. Er blieb an diesem Tag lange im Bett liegen und starrte an die Decke. Nachdem es nun endlich soweit war, fühlte er sich doch wieder unsicher. Sollte er es tatsächlich tun? Der Monat, der hinter ihm lag, war so anders gewesen, als die trüben Tage zuvor, die ihn zu dieser Entscheidung getrieben hatten. Irgendwann ließ er seinen Blick aus dem Fenster hinaus gleiten, sah die graue Wolkendecke und die Regentropfen an der Scheibe. Er kletterte aus dem Bett und bereitete sich für den Tag vor. Draußen hörte er die ersten Feuerwerkskörper, die von Ungeduldigen gezündet wurden.

Der Tag zog sich hin wie Kaugummi, immer wieder schaute Lukas auf die Uhr und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Am frühen Nachmittag verließ er seine Wohnung um einen Stapel mit vorbereiteten Briefen einzuwerfen. Er wollte seine Angelegenheiten geregelt wissen und hatte an all jene Unternehmen und Ämter, die Teil seines Lebens waren, erklärende Briefe und Kündigungen geschrieben, Banken, Versicherungen, Telefongesellschaft,... und er hatte Abschiedsbriefe an seine Freunde vorbereitet, für jeden von ihnen einen einzelnen, individuellen, in dem er sein Verhalten zu erklären versuchte und um Verständnis bat. Die Briefe würden wohl am 2. oder 3. bei den Empfängern eintreffen, Tage nachdem er es getan hatte.

Der Abend brach an. Lukas aß ein wenig, hatte aber eigentlich keinen Hunger mehr. Aus den Häusern und Wohnungen ringsum hörte er Gelächter und Feiern, draußen knallte und blitzte es inzwischen fast ununterbrochen. Die letzten Stunden bis Mitternacht kamen ihm wie die längsten seines Lebens vor. Immer wieder kamen ihm Zweifel, ob er das richtige tat. Doch letztlich war es nun zu spät, er hatte bereits allen mitgeteilt, was er tun würde, ein Rückzieher war nicht mehr möglich. Kurz vor Mitternacht zog er sich an, löschte alle Lichter in der Wohnung und zog alle Elektrogeräte vom Netz ab. Ein Schreiben mit Anweisungen, was mit seinem verbliebenen Besitz zu geschehen habe, legte er gut sichtbar auf den Küchentisch. Sein Handy, seine Uhr und seine Brieftasche legte er daneben, er würde beides nicht mehr brauchen. Er blickte sich noch ein letztes Mal um, verließ dann die Wohnung und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Den Schlüssel ließ er stecken, er würde auch ihn nicht mehr brauchen.

Unten auf der Straße feierten die Menschen den bevorstehenden Jahreswechsel. Der Regen hatte aufgehört und es wäre wohl eine sternenklare Nacht gewesen, wäre die Luft nicht von Raketen und Schwefeldämpfen erfüllt gewesen. Lukas nickte einigen Nachbarn zu und machte sich dann auf den Weg. Er gab sich alle Mühe den Menschen auszuweichen, ganz gelang es ihm nicht, er wurde einige Male von offenbar übermäßig euphorischen Fremden in den Arm genommen und eingeladen mit ihnen zu feiern. Etwas verlegen lehnte er jedes Mal ab und bemühte sich sein Ziel zu erreichen.

Die Brücke war, wie er es erwartet hatte, von einigen Leuten als Aussichtspunkt gewählt worden, doch hielt sich die Menge in Grenzen. Lukas hielt sich von ihnen fern und lehnte sich an das Geländer. Neben all den blitzenden und leuchtenden Farbspielen konnte er den Kirchturm sehen, an dessen Uhr die Zeiger sich nun unaufhaltsam Mitternacht näherten. Nachdenklich schaute er nach unten. Tatsächlich fuhren heute keine Autos und glücklicherweise hielten sich auch keine Menschen dort auf. Es schien alles nach Plan zu verlaufen.

Die Glocke schlug. Es war so weit. Lukas ließ einen langen Blick über das Feuerwerk schweifen, das nun, als das neue Jahr anbrach, noch viel farbenprächtiger und ausgelassener zu werden schien. Er hörte überall die Menschen, die sich in die Arme fielen und sich ein frohes neues Jahr wünschten, als er sich langsam an dem Geländer hochzog. Die Glocke schlug noch mehrmals, der letzte Zweifel regte sich in Lukas' Geist, als er dort stand, unter sich die Leere und der harte Asphalt. Kurz überlegte er wieder herunter zu steigen, da hörte er hinter sich überraschte, erschrockene Stimmen, die sich ihm schnell näherten. Offenbar wollte man ihn von seinem Vorhaben abhalten, die Entscheidung war gefallen. Lukas atmete durch, der letzte Atemzug seines Lebens, dann trat er ins Leere.

In seiner dunklen Wohnung begann sein Handy zu piepen und zu vibrieren, als die Neujahrsgrüße seiner Freunde eingingen.

Freitag, 25. Oktober 2013

Liebe und so

Ich führe seit einiger Zeit mit meiner Partnerin eine offene Beziehung. Für uns bedeutet das, dass jeder von uns auch mit anderen Personen in sexuellen Kontakt treten kann, wenn dies abgesprochen wurde und der Partner nicht von seinem Veto-Recht Gebrauch macht. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf diese Tatsache. Manch einer heißt dies einfach gut und akzeptiert es, manch einer lehnt es ab und schüttelt nur den Kopf und die meisten sind neugierig, wenn auch skeptisch, und stellen Fragen. Eine der beliebtesten Fragen, die immer wieder kommt, ist hierbei:

Habt ihr keine Angst, dass sich einer von euch dabei verliebt?“

Um genau diese Frage, ihre Implikationen und ihre Beantwortung soll es sich hier drehen. Ich sehe hierbei zwei Ansätze, die ich nacheinander verfolgen will, die aber sicherlich auch ineinander verknüpft sind.

1. Angst führt in den Wahnsinn.
Im Grunde genommen besteht ständig und immer die Gefahr, dass sich ein Mensch (neu) verliebt. Er muss dazu nicht mit jemandem schlafen, vermutlich sind die meisten Menschen schon verliebt, bevor sie sich einem anderen auch körperlich hingeben. Sei es bei einem gemeinsamen Kinobesuch, einem Kaffee, einer Party bei Freunden, einem kurzen Blickkontakt im Bus... selbst bei so etwas kräftezehrenden und unerotischem wie einem Umzug sollen sich bereits Paare kennen und lieben gelernt haben. Die Liebe lauert überall, wenn man also diese Angst empfindet, dass der Partner sich beim Sex mit einer anderen Person in diese vergucken könnte, ist das der erste Schritt auf einer sehr rutschigen Straße von Eifersucht, Unsicherheit und Zweifel, da man ziemlich schnell realisiert, in wie vielen anderen Situationen dies ebenfalls passieren kann. Wenn man nun aber vernünftig und mit klarem Kopf an die Sache herangeht und akzeptiert, dass diese Gefahr ohnehin allgegenwärtig ist, egal was man tut, kann man auch einfach auf die Angst verzichten. Alternativ dürfte man den Partner wohl konsequenterweise nicht mehr allein das Haus verlassen lassen, was wohl in niemandes Sinne ist. Verhalten wir uns also wie vernünftige Erwachsene und erkennen die Irrationalität dieser speziellen Angst.

2. Wäre es denn so schlimm?
Sicherlich kann man auch mit einer Person den Koitus vollziehen, für die man keine tieferen Gefühle als körperliche Anziehungskraft hegt, doch ist das Erlebnis in der Regel intensiver und angenehmer, wenn die Beteiligten sich zumindest sympathisch finden. Dementsprechend ist in den meisten Fällen, in denen man "es" außerhalb seiner Partnerschaft tut, eine gewisse Attraktion zwischen den Handelnden schon vorhanden, die natürlich durch ausgeschüttete Hormone noch verstärkt wird. Man kann eine gewisse „Verknalltheit“ nicht leugnen, die entsteht, wobei hier die zu Beginn des Absatzes gestellte Frage abgewandelt aufgegriffen werden muss: Ist das denn so schlimm? Wenn man ehrlich zu sich selbst ist und in sich geht, taucht dieses Gefühl der Schwärmerei und Verliebtheit doch immer mal wieder auf, auch wenn man seit vielen Jahren glücklich in einer Beziehung zu einem anderen Menschen ist und sich die Gefühle für den Partner nicht verringert haben. Man lernt eine Person kennen, die auf bestimmte Weise die eigenen Interessen oder Meinungen teilt, man hat einen ähnlichen Humor, fühlt sich zu dieser Person hingezogen und schon fühlt man sich wieder wie ein Teenie, der Hals über Kopf verschossen ist. Jetzt kommt allerdings wieder der Part des Erwachsenen, den vermutlich in so einer Situation nicht jeder bewältigen kann, man muss diese Gefühle reflektieren und relativieren können. Ist es das, was ich will, liebe ich meinen Partner nicht mehr, kann ich nur mit dieser neuen Person glücklich sein? Oder ist es einfach nur eine kurzzeitige Schwärmerei, hat sich an den Gefühlen für meinen Partner nichts geändert, will ich überhaupt nichts ändern an der aktuellen Situation? Es geht hierbei nicht darum Gefühle zu unterdrücken, es geht darum Gefühle zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Ich gebe zu, dass es in meiner langjährigen Beziehung mehrere Male vorkam, dass ich mich, obwohl ich meine Partnerin liebe und wir wunderbar harmonieren, kurzzeitig in eine andere Person auch ohne Kopulation verguckt habe und lernen musste mit diesen Gefühlen umzugehen. Ich weiß, dass es ihr auch ähnlich ergangen ist. Entscheidend ist eben zu wissen, was man will oder es eben herauszufinden, wenn man unsicher ist.

Beide Punkte haben im Grunde die gleiche Aussage und geben die gleiche Antwort auf die Frage oben:

Wenn man erwachsen und vernünftig damit umgeht, stellt das kein Problem dar.

Ein etwas lockerer Umgang mit der ganzen Thematik wäre wohl oft sinnvoll. Meiner persönlichen Meinung nach sind Menschen ohnehin nicht für die Monogamie geschaffen und durchaus auch in der Lage mehr als eine andere Person wirklich und wahrhaftig zu lieben, wenn sie sich das eingestehen und es zulassen.

Vermutlich wäre die Welt ein noch traurigerer Ort, wenn es nicht so wäre.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Wahnsinn des Alltags: Baustellen-Opas

Kaum ist an einer Stelle eine Baustelle beliebiger Art errichtet worden, Absperrungen stehen, Männer in oranger Arbeitskleidung schwärmen aus, schwere Maschinen beginnen lärmend ihr Werk – da sind sie auch schon nicht mehr fern, die Baustellen-Opas nähern sich. Ältere Männer finden sich ein, verteilen sich entlang der Absperrungen und beobachten mit strengem Blick und verschränkten Armen die Arbeiten. Je nach den Ausmaßen der Baustelle, Anzahl und Größe der eingesetzten Maschinen und dem Ort, an dem sie errichtet wurde, variiert die Zahl der angelockten Herren. Während bei der Ausbesserung eines kleinen Stückes Gehweg in einem Wohngebiet nur ein einzelner jeden Hammerschwung und jeden neu gelegten Stein sehr genau und kritisch beäugt, kann an anderer Stelle bei größeren Projekten, die den Einsatz von Baggern, Kränen und ähnlichem lautstarken Gerät erfordern, schnell ein halbes Dutzend auftauchen, das sich entlang der Zäune um die Baustelle verteilt.

Der Baustellen-Opa an sich ist dabei eine kommunikative Person. Gerne teilt er den Arbeitern seine eigene Einschätzung oder Erfahrung mit den vorliegenden Aufgaben mit, auch seinesgleichen gegenüber zeigt er sich wortreich und als Experte der Lage. Zufällig vorbei kommende Passanten können sich von Zeit zu Zeit ebenfalls nur schwer den Ausführungen entziehen und müssen sich alle Mühe geben ohne allzu viel Unhöflichkeit den Ort des Geschehens wieder zu verlassen. Seltener finden sich die Ehefrauen der Baustellen-Opas dort ein und starren mit leerem Blick vor sich hin, während ihre Gatten ihre Weisheit zum besten geben. Wahre Liebe oder die Gewöhnung vieler Jahre, und oft ist es schwer das eine vom anderen zu unterscheiden, selbst bei jüngeren Paaren, halten sie vermutlich dort und lassen sie das Gerede ihrer Männer ertragen.

Letztlich wecken die Arbeiten wahrscheinlich Erinnerungen an die eigene Arbeitszeit und Leistungen, in denen die Baustellen-Opas schwelgen bei ihrer Beobachtung. Die Arbeiter, gewöhnt an derlei Zuschauer, gehen stoisch ihren Beschäftigungen nach und auch wenn andere Menschen vermutlich in ihrer Konzentration und Leistungsfähigkeit nachlassen würden, wenn jemand ununterbrochen jeden Schritt und jeden Handgriff beobachtet und auch sofort kritisiert, wenn er nicht den Vorstellungen des Beobachters entspricht, schaffen sie es, unbeeindruckt und unberührt ihre Pflichten zu erfüllen. Niemand wird also geschädigt, abgesehen vielleicht von den erwähnten Passanten und Ehefrauen, doch ist es jedes Mal wieder eine amüsante Sache für das aufmerksame Auge die Baustellen-Opas rund um ein beliebiges Loch im Boden zu zählen.

Sonntag, 4. August 2013

Widersprüche



Der Mensch ist bisweilen ein faszinierend widersprüchliches Wesen. 

Einerseits sehnen wir uns immer wieder nach dem, was wir eigentlich nicht  oder nur unter großen Anstrengungen haben können oder dürfen. Das hat sogar seinen Einzug in die Welt der Sprichworte gefunden, wer hat nicht schon von dem grüneren Gras auf der anderen Seite des Zaunes gehört oder dass etwas, für das man nicht kämpfen muss, sich nicht zu besitzen lohnt? Und wer hat sich nicht schon dabei ertappt, wie er sich über verpasste Gelegenheiten seinem vermeintlichen Ziel näher zu kommen geärgert hätte oder wie eine Person plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses rückt, wenn diese eben nicht mehr verfügbar ist?

Andererseits zaudern wir und sind unentschlossen, fürchten uns vor den Konsequenzen oder den Veränderungen, die notwendigerweise auf dem Weg lauern könnten. Furchtbar bequem ruhen wir uns aus auf dem Erreichten und schrecken zurück davor dieses vielleicht zu verlieren, wenn wir unsere Energien doch der fixen Idee, dem unlogischen Wunschtraum, dem so falschen Begehren und den verwirrenden Emotionen zuwenden. Der Spatz in der Hand sei besser als die Taube auf dem Dach, weiß dann auch der Volksmund zu plappern… welch ein Widerspruch zu dem in uns offenbar verankerten Drang nach dem Neuen und vielleicht besseren.

Man drehe und wende es, wie man wolle, diese sich bekämpfenden Triebe führen oft zu Unzufriedenheit. Komme ich meinem Wunsch nach oder versuche es zumindest, verliere ich am Ende möglicherweise doppelt, sowohl das Ziel der irrationalen Träume als auch alles, was bei dem Versuch geopfert werden muss. Gehe ich den Weg der Sicherheit und des Ablehnens dieser Gefühle, werde ich verbittert und frage mich ständig, was wohl gewesen wäre, wenn ich mir nicht doch einen Ruck gegeben hätte. Eine höchst verfahrene Situation, eine Lose-Lose-Situation, für die es vermutlich keine richtige Lösung gibt. Unzufriedenheit droht jedenfalls immer am Ende, wenn nicht doch ein weiteres Sprichwort uns armen, verwirrten Menschen vielleicht Hoffnung geben könnte: „Das Glück ist mit den Tapferen.“