Dienstag, 16. April 2013

Wahnsinn des Alltags: Babys



„Oh, ganz der Papa, bis auf die Füße, die hat er offensichtlich von der Mutter. Und die Nase scheint er vom Onkel zu haben. Woher nun aber die Ohrläppchen kommen, kann ich nicht sagen, die hab ich so noch nie gesehen…“

Kaum ist ein Kind geboren, überschlagen sich die Verwandten und Freunde mit Glückwünschen ob des neuen Erdenbürgers. Doch schon während sie fröhlich grinsend und leicht lallend ihre klugen Sprüche formulieren, scheint ihr Gehirn damit beschäftigt zu sein, den Säugling mit der gesamten Familie und dem kompletten Bekanntenkreis zu vergleichen. Ein hohes Maß an Fantasie ist notwendig um die runzligen, geschwollenen Füße der Urgroßmutter in den kleinen zarten Zehen des Kindes zu erkennen, doch scheint das menschliche Hirn hier zu einer erstaunlichen Leistung fähig zu sein.

Es werden die Babybilder aller Anwesenden vor das geistige Auge gerufen und schon fällt es leichter zu sagen, dass der Schwung der Lippen offenbar von der väterlichen Seite stammt. Verblüfft kann der unbeteiligte Beobachter zuschauen, wie jedes Körperteil, jeder Zentimeter des Neugeborenen akribisch unter die Lupe genommen, vermessen und in Zusammenhang mit Verwandten gesetzt wird und seien sie noch so entfernt. 

Gerne fällt an dieser Stelle auch die Frage an die Kinderlosen unter den Gratulanten: „Na, wann ist es denn bei euch (endlich) soweit?“, oft noch garniert von der süffisant-grinsend vorgetragenen Aussage: „Das steht dir aber gut“, wenn es an einem selbst ist, das Kindelein unbeholfen auf dem Arm zu halten.
Das Objekt der Betrachtung indes kümmert sich in der Regel wenig um solche Vergleiche. Schlafend mit zusammengekniffenen Augen und leicht geknautschtem Gesicht liegt es eigentlich nur da und jammert vielleicht ab und zu nach Nahrung, während es herumgegeben, prüfend mit den Armen gewogen und geherzt wird.

Sicherlich verbirgt sich hinter diesem Ritual des körperlichen Prüfens und Vergleichens des neuen Familienmitgliedes ein biologischer Zweck: Es wird auf Gebrechen untersucht und zusätzlich eine Bindung aufgebaut, indem Ähnlichkeiten zur bereits bestehenden Familie erkannt und verkündet werden. Die Gruppe erkennt rituell den Säugling als zugehörig an.

An dieser Stelle und abschließend allerdings die ketzerische Einschätzung eines, weil noch nicht in den Genuss der Vaterschaft gekommenen, Außenstehenden: Alle Babys sehen in den ersten Wochen ihres Lebens gleich aus. Natürlich kann man Ähnlichkeiten zu den Babyfotos von Onkel, Tante, Großmutter und Schwippschwager herstellen, denn auch sie sahen kurz nach der Geburt aus wie E.T. der Außerirdische nach einem Sonnenbad, rot und knautschig. Die Einbildung mag schön sein und gut für den Familienzusammenhalt, dennoch ist es eben nur eine Einbildung. Allerdings wehe dem, der solches in Hörweite der frisch gebackenen Mutter oder gar Großmutter erwähnt…

In diesem Sinne: „Und wann ist es endlich auch mal bei euch soweit?“

Wahnsinn des Alltags: Der Bus

Es muss schon ein Geniestreich der Konstrukteure moderner öffentlicher Verkehrsmittel sein, dass den Fahrgast, kaum dass er in den Bus eingestiegen ist, der dringende Wunsch befällt ein längeres Bad zu nehmen und seine Haut mit Stahlwolle und Desinfektionsmittel zu bearbeiten. Doch natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle für das Gesamtbild neben den immer seltsam schmierigen Haltestangen, den in schreiend bunten Farben gemusterten Sitzen und den angenagt wirkenden Hartgummiummantelungen, die vermutlich für einen sicheren Griff in unsicheren Fahrsituationen sorgen sollen, den Betrachter aber eher zu tollkühnen Manövern der ungesicherten stehenden Mitfahrt verleiten, um nicht mit ihnen in Berührung zu geraten.

Da ist als weiterer Punkt das Fahrpersonal, das aufgrund seiner oft langen Erfahrung die Fahrgäste zu reiner Fracht abstrahiert, die auch schon den einen oder anderen Stoß durch kurzfristige Bremsaktionen, Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung aufgrund des nahenden Feierabends oder schnelles Anfahren an Haltestellen um die Grünphase noch zu erwischen verkraftet. Mit stoischer Gelassenheit und finsterem Blick lenken sie ihr Gefährt durch den Verkehr und kümmern sich nicht um die Belange anderer, weder innerhalb noch außerhalb ihres Busses. Und wer kann es ihnen verdenken, ist sich doch im Straßenverkehr jeder selbst der nächste und haben die Fahrer doch schon einiges erlebt und allzu regen Kontakt mit dem nächsten Faktor: Den Fahrgästen.

Von lautstark hustend und röchelnd vor sich hin Sterbenden, über den Bus trotz Kopfhörer in einwandfreier Klangqualität mit Musik Beschallenden bis zu dem Geruch nach der tiefsten Kloake der Stadt Entstiegenen ist alles dabei, ein bunter Mix aus Menschen verschiedenen Alters, Geschlechtes und politischer Einstellung. Da wird in aller Öffentlichkeit das Innere der Nase auf genaueste erkundet, da werden telefonisch wichtige Informationen über den Gesundheitszustand der Großmutter geteilt und da werden die sexuellen Qualitäten der letzten Discobekanntschaft in allen schlüpfrigen Details mit dem Nebenmann erörtert, für jeden scheint etwas dabei zu sein. Über allem liegt entweder der Mief von zwangsweise zusammengepferchten Menschen, eine Mischung aus Schweiß, Angst und ungewaschenen Socken oder ein kalter Wind, der durch sämtliche geöffneten Seitenfenster und Deckenklappen hereinweht und dem zitternden Fahrgast Haare, Zeitungen und andere bewegliche Teile ins Gesicht pustet.

All diese Dinge zusammen ergeben das unverwechselbare Gefühl einer Busfahrt und sei sie noch so kurz. 

Was bleibt ist das wohlige Gefühl durch den Verzicht auf ein eigenes Auto etwas zum Klimaschutz geleistet zu haben und der dringende Wunsch sich zu waschen um den schmierigen, fast greifbaren Film, den man am Ziel angekommen auf der Haut spürt, los zu werden.

Freitag, 12. April 2013

Ein einziges Wort



Ein einziges Wort, eine Silbe nur, vier Buchstaben, jedes Kind lernt es als eines der ersten, warum fällt es mir nur so schwer, es zu sagen?

Nein.

Bin ich so sehr davon abhängig, dass andere zufrieden sind und sich nicht ärgern? Ist es mir so wichtig, dass sie mich positiv sehen? Warum sträubt sich alles in mir es einfach zu sagen, wenn es mir zu viel wird?

Nein.

Warum muss ich immer selbst zurück treten, warum müssen die Wünsche und die Bedürfnisse meiner „Freunde“ erfüllt werden, was zwingt mich dazu es nicht einfach zu sagen, wenn ich wieder etwas tun soll, worauf ich keine Lust habe?

Nein.

Wie weit muss ich mich aufgeben, bis ich es endlich schaffe es zu sagen? Ist das wirklich noch Gutmütigkeit oder ist es der Wunsch nach Aufmerksamkeit, den ich mir erfülle, indem ich für andere lebe? Warum kann ich nicht anders sein?

Nein.

Hasse ich mich selbst dafür, dass ich wieder „ja“ gesagt habe?
 

Donnerstag, 11. April 2013

Story: Ein Hauch von Sommer

Das Sonnenlicht glitzerte durch das dichte Blätterdach über ihm hindurch. Blinzelnd setzte Karl seine Sonnenbrille auf um nicht weiter geblendet zu werden, dann schaute er doch kurz auf. Überrascht stellte er fest, dass er nun wohl schon einige Stunden auf der kleinen Holzbank gesessen und sein Buch gelesen hatte. Offenbar war die Lektüre doch spannender als der unscheinbare Einband und der zähe Einstieg in die Geschichte ihn hatte glauben lassen. Die Sonne war ein gutes Stück weiter gewandert und hatte auf ihrem unaufhaltsamen Weg nun eine Höhe erreicht, die für ein unangenehmes Kribbeln in seinem Gesicht sorgte. Etwas abgelenkt veränderte Karl seinen Sitz auf der Bank leicht, um weiterhin vom Schatten der Bäume um ihn herum zu profitieren. Beiläufig pustete er eine kleine schwarze Spinne, die sich offenbar verirrt hatte, von der geöffneten Seite seines Buches.

Karl liebte es seine freien Tage im Sommer hier auf dieser abgelegenen Parkbank zu verbringen. Vor einigen Jahren hatte er sie entdeckt, etwas versteckt von den Hauptwegen und den großen Liegewiesen, auf denen bei dem schönen Wetter die Menschen wie Sardinen in der Büchse nebeneinander lagen. Sofort hatte er diesen kleinen verschwiegenen Ort sehr zu schätzen gelernt. Er hasste den Lärm und die Hektik, der sich die anderen offenbar so euphorisch hingaben. Hier konnte er in Ruhe lesen oder auch einfach nur die Sonne genießen. Nur äußerst selten verirrte sich ein anderer Spaziergänger hierher und meist verschwanden diese auch sehr schnell wieder um im Trubel und Gewimmel der Stadt aufzugehen.

Karl atmete einmal tief durch und vertiefte sich wieder in sein Buch. Erneut musste er eine Spinne mit einem leichten Pusten von seiner Seite entfernen, sie landete neben ihm auf dem Boden. Die Geschichte war sehr spannend geschrieben. Eigentlich hatte Karl wenig für Horrorromane übrig, zu konstruiert waren sie oft und zu sehr auf simple Schockeffekte reduziert. Diesmal war es jedoch anders, der Horror, der Schrecken, das Absonderliche entwickelte sich langsam, schleichend, aus einer normalen, alltäglichen Situation heraus, in die immer wieder beunruhigende Eingriffe von bisher noch unbekannter Seite vorgenommen wurden. Seite um Seite schien die Welt mehr aus den Fugen zu geraten und all das ohne bildhafte Beschreibungen von unangenehmen Todesfällen und blutigen Gewaltexzessen.

Vor dem Umblättern bemerkte Karl nun schon zum dritten Male am Rand der Seite eine kleine schwarze Spinne. Genervt schnaufte er, dies war der einzige Nachteil der Abgeschiedenheit seines Lieblingsplatzes, er wurde von kleinen Krabbeltieren genau so sehr geschätzt wie von ihm. Etwas verärgert über die erneute Störung schnippte er das Tier mit seinen Fingern vom Buch. In kleinem Bogen flog es durch die Luft und prallte dann vor ihm auf den Kiesweg, wo es mit angezogenen Beinen leblos liegen blieb. Ein kurzer Stich der Scham und Reue durchzuckte Karl, wie es oft bei ihm der Fall war, wenn er absichtlich oder unabsichtlich ein Insekt oder eine Spinne tötete. Kurz blieb sein Blick an dem offenbar toten Tier auf dem Weg vor ihm kleben, dann widmete er sich wieder der Geschichte. Eine besonders aufregende Stelle bahnte sich an, welche seine volle Aufmerksamkeit einfing. Einige Minuten später lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick schweifen. Eine überraschende Wendung in der Geschichte hatte sich ereignet und Karl wollte einen Augenblick darüber nachdenken. Scheinbar glitt der Autor nun mehr und mehr auch in gängigere Horrorklischees ab, zumindest vermittelte das brutale Ableben eines der Protagonisten diesen Eindruck.

Etwas überrascht registrierte er am Rande, dass die tote Spinne verschwunden war. Vielleicht war sie nur betäubt gewesen oder von irgendeinem anderen der vielen krabbelnden Tiere im Umkreis gefressen worden.
Schnell hatte sich dieser Gedanke jedoch wieder verflüchtigt, Karl widmete sich wieder dem Buch auf seinem Schoß. Er war etwas unschlüssig, ob er weiterlesen sollte. Er hatte nichts übrig für vor Blut triefende Romane und Filme, er mochte kein Blut. Selbst bei kleinen Schnittwunden wurde ihm schnell schwarz vor Augen und allzu schnell ging es ihm ähnlich, wenn er von Verletzungen oder Todesfällen las. Allerdings hatte er auch die Angewohnheit ein angefangenes Buch zu Ende zu lesen. Es gab nichts schlimmeres, als mittendrin abzubrechen und dieser Schande hatte Karl sich auch erst wenige Male in seinem Leben hingeben müssen, Fälle, in denen der Autor entweder seitenlang schwafelte ohne das geringste bisschen Spannung aufzubauen oder die von so unendlicher Langeweile geprägt waren, dass er kaum eine Seite lesen konnte ohne zu gähnen oder mit offenen Augen einzuschlafen.

Leise seufzend rückte Karl sich etwas auf der Bank zurecht und senkte wieder seinen Blick auf das Buch um weiter zu lesen. Ein leises Kribbeln am linken Arm ließ ihn zusammenzucken und sich kratzen, dann blätterte er um und folgte dem Helden der Geschichte tiefer in die Abgründe menschlicher und unmenschlicher Seelen. Schaudernd las er die Beschreibungen der nächsten Morde und verfluchte insgeheim seine Besessenheit ein angefangenes Buch zu beenden. Erneut kribbelte sein Arm und er kratzte sich, dies riss ihn wieder etwas aus dem Sog des Schreckens heraus. Karl bemühte sich um Konzentration und las einige weitere Zeilen, ehe wieder dieses kitzelnde Geräusch, wie von kleinen Beinchen, die über seinen Arm glitten, zu spüren war. Er zwang sich dieses Mal nicht zu kratzen, sondern blickte von seiner Lektüre auf und schaute seinen Arm an. Stirnrunzelnd beobachtete er eine weitere kleine schwarze Spinne, die sich seinem Ellenbogen näherte. Langsam und verwundert hob er den Arm und sah, dass das Tier nicht allein war, sondern offenbar von ihrer Zwillingsschwester begleitet wurde. Beide krabbelten immer höher und wären vermutlich in seinem Ärmel verschwunden, hätte Karl sie nicht mit einer schnellen Handbewegung heruntergefegt. 

Eine der beiden schien sich nicht so einfach abschütteln zu lassen, sondern baumelte an einem kurzen Faden einige Zentimeter unter Karls Hand. Flink und geübt erkletterte die Spinne die Hand und wollte sich anscheinend erneut an ihm hochhangeln. Karl reagierte wie zuvor und versuchte das Tier von seinem Arm zu pusten. Verblüfft beobachtete er, wie das kleine Geschöpf seinen Körper runterpresste und seine Beine anlegte um sich gegen den Luftstoß zu stemmen. Kurz darauf begann es wieder zu krabbeln und wurde erst durch ein Schnippen seiner Finger vertrieben. Karl sah sich um und betrachtete die Bank und ihre Umgebung. Etwas verwundert über die aufdringlichen Spinnen schaute er nach weiteren ihrer Art, nach einem Netz oder auch Nest, das er vielleicht unbeabsichtigt beschädigt oder zerstört hatte. Beim Umschauen sah er ein paar andere schwarze Spinnen, die auf der Bank und dem Boden ringsum umherkrabbelten. Verwundert und auf seltsame Art beunruhigt konnte er sehen, dass einige von ihnen offenbar zielgerichtet ihm zustrebten, als lenke sie eine unbekannter Wunsch oder ein Drang, den er nicht erkannte. Langsam klappte Karl das Buch zu und erhob sich von der hölzernen Parkbank und trat einige Schritte zur Seite. Erschrocken sah er zu, wie die wimmelnden Spinnen, von denen es immer mehr zu geben schien, die Richtung wechselten und ihm folgten. 

Karl entfernte sich langsam von seiner Lieblingsbank, behielt dabei die Spinnen im Auge. Sie schienen aus allen Löchern, aus allen Ecken, unter Steinen, Blättern, dem Unterholz hervorzukriechen und es wurden immer mehr. Der Panik nahe wandte sich Karl zur Flucht, doch voller Bestürzung erkannte er, dass auch der Weg hinter ihm voller kleiner schwarzer Spinnen war, die sich ihm näherten. Für einen Moment erstarrte er, ihm war kalt und er wünschte sich aus diesem Traum zu erwachen. Einige der kleinen Tiere begannen an seinen Beinen empor zu klettern. Mit einem leisen Aufschrei und viel Gezappel streifte er die Spinnen ab, doch schnell rückten andere nach und erreichten Hüfte und Arme. Zitternd begann Karl zu laufen, viele der Spinnen wurden einfach von ihm zertreten, andere krabbelten weiter über seinen Körper, über Arme, Hände, seinen Hals, sein Gesicht. Keuchend suchte Karl den Rückweg über den kleinen Pfad, zurück zum Hauptweg, zu den Liegewiesen, zu anderen Menschen. Doch schienen die Bäume immer näher zu rücken, schien der Weg eher schmaler und verlassener zu werden. Spinnen, die über seine Augen krabbelten, machten die Orientierung immer komplizierter. Fahrig versuchte er sie fortzuwischen, doch zerquetschte er eine von ihnen nur, so dass er sich Schleim und Chitinreste in sein linkes Auge rieb. Angeekelt, mit Brechreiz und mit einem Herzen, das ihm bis zum Hals schlug, stolperte er weiter. 

Eine aus dem Boden ragende Wurzel brachte ihn zum Straucheln und er stürzte, sein Buch entglitt seinem Griff und landete irgendwo im Unterholz. Hart schlug Karl auf, er schmeckte Blut auf seiner Zunge und schürfte sich die Hände und Arme großflächig auf. Kurz wurde ihm gänzlich schwarz vor Augen, doch die winzigen krabbelnden Beine auf seinem gesamten Körper holten ihn schnell wieder in die Realität zurück. Ein kurzer Blick verdeutlichte ihm, dass sich die Zahl der Spinnen noch einmal vervielfacht hatte. Es wirkte, als würden mehrere hundert von ihnen über seinen Körper laufen. Sein Blick senkte sich etwas und er sah die Wunden an Händen und Armen, sah das Blut heraus laufen, fühlte den Schmerz, der seinen ganzen Körper durchzog. Ächzend richtete er sich auf, als ein Stechen seinen rechten Arm ergriff. Mit verzerrtem Gesicht blickte er herab und sah einige Spinnen, die sich den Abschürfungen genähert hatten und ihre kleinen Beißwerkzeuge in sein verletztes Fleisch senkten. Schreiend vor Panik schlug er nach ihnen, was einen neuen Schmerzschub auslöste, als er mit der flachen Hand die Verletzung traf. 

Weitere Bisse durchzuckten wie Nadelstiche seine Beine und Arme. Auch andere Spinnen hatten begonnen kleine Fleischbrocken von den Rändern seiner Wunden zu reißen und zu verspeisen. Mit Tränen in den Augen und schreiend begann Karl sich am Boden zu wälzen und zu rollen in der Hoffnung möglichst viele seiner kleinen Peiniger zu zerquetschen. Doch es waren schlicht zu viele und es schienen immer mehr zu werden, für jeden kleinen schwarzen Körper, den er abschütteln oder töten konnte, tauchten drei andere auf, die auf seinen Leib kletterten. Der Schmerz durch ihre kleinen Kiefer machte ihn schier wahnsinnig, einige weitere begannen durch verschiedene Körperöffnungen in ihn hineinzukrabbeln. Bei jedem Schrei drangen mehr Spinnen in seinen Mund vor, seine Nase verstopfte mehr und mehr, er hörte ihre kleinen Beine in seinen Ohren krabbeln und kratzen. Sie schienen gezielt dünne Hautschichten zu suchen und zu versuchen Löcher in seinen Körper zu beißen. Er spürte das Zwicken und Kneifen an seinen Lidern, seinen Lippen, seinen Ohrläppchen. Das letzte, was er jemals sah, war seine Lieblingsbank einige Meter von ihm entfernt, davor die Silhouetten von vielen achtbeinigen Wesen, die über seine Augen krabbelten, bevor sich gnadenlose hungrige Beißwerkzeuge in seine Augäpfel senkten und sie aus ihren Höhlen fraßen. 

Schreiend vor Schmerzen, griff er immer wieder um sich, erschlug und zerquetschte Spinne um Spinne, doch machte es scheinbar keinerlei Unterschied. Immer weiter drangen sie vor und fraßen sich geradezu in seinen Körper hinein. Karl versuchte mehrfach wieder aufzustehen und sich weiter zu schleppen, doch jedes Mal brach er nach wenigen Schritten wieder zusammen vor lauter Pein. Schließlich war nur noch ein Winseln und Jammern aus seinem Mund zu hören, der voller Spinnen war, die Brocken aus seinem Zahnfleisch bissen und rissen, während das Blut in Strömen aus vielen kleinen Wunden an seinem ganzen Körper lief. Bis zuletzt, bis er aufgrund des Blutverlustes aus dem Leben glitt, spürte er das enervierende Krabbeln und das schmerzhafte Beißen der kleinen schwarzen Spinnen, die zu tausenden aus dem Unterholz gekommen war, hoffte, dass jemand ihn hören und retten würde. 

Als das Schreien schließlich erstarb und als die Kreaturen, gesättigt vom Blut und Fleisch Karls, wieder in der Dunkelheit zwischen den Bäumen und im Unterholz verschwanden, blieben nur einige abgeschälte Knochen sowie ein blutverschmiertes Buch am Ort des Geschehens zurück. Ruhe kehrte wieder ein, nur von fern drang der Lärm der spielenden Kinder und der Sonnenanbeter herüber, die sich auf der Liegewiese im Licht zusammendrängten.

Abschied

Warum wird mir erst hinterher klar, was ein Abschied bedeutet? Warum erkenne ich es erst, wenn es zu spät ist, dass dieser Abschied vermutlich für immer sein wird? Warum nimmt mich das so mit, wenn ich doch stets meine Gefühle im Griff habe?

Das ist der Nachteil daran, wenn man sich kontrolliert in der Öffentlichkeit, wenn man seine Emotionen nicht ständig mitteilt und inflationär damit umgeht, wenn man zurückhaltender auf Menschen zugeht. Sie gewöhnen sich daran und gehen davon aus, dass man keine Gefühle hat, dass man sich nicht daran stört, wenn unschöne Dinge passieren, dass es nichts ausmacht, wenn sie ihre Aufmerksamkeit anderen zuteil werden lassen. Und ich kann es auch nicht mitteilen, weil ich mich so daran gewöhnt habe, mich hinter meinem Schild zu verstecken, dass es unmöglich scheint, diesen eine Weile zu senken. Vermutlich wäre die Reaktion darauf auch nicht positiv, sondern würde umgekehrt den Rückzug bedeuten. Menschen hassen Veränderungen, wenn einer von ihnen sein Verhalten ändert, wird er zwar gern lautstark ermutigt, insgeheim kommt aber niemand damit zurecht, wenn vertraute Muster nicht mehr gelten.

Der Schild ist zugleich mein Schutz und mein Gefängnis, in das ich mich selbst gesperrt habe. Er schützt mich davor mich zu sehr mit anderen zu befassen, er schützt mich davor verletzt zu werden, wenn diese ihr wahres Gesicht zeigen. Doch er hält mich auch zurück mich den wenigen Menschen, die mir nahe sind und die mir etwas bedeuten, zu öffnen, ihnen durch Wort und Tat zu zeigen, dass ich sie mag.

Und so kommt es zu den verpassten Gelegenheiten, hinterher ist man immer schlauer, ich erkenne dann, dass es so einfach gewesen wäre, ein paar nette Worte zu sagen, eine freundliche Geste zu zeigen oder einfach nur einen Schritt auf die anderen zu zu gehen. Denn auch für sie ist es nicht leicht, wie geht man um mit jemandem, der hinter einem Schild lebt und immer wieder klarmacht, dass er eigentlich auch nichts anderes will? Sie sind nur konsequent und eigentlich höflich, indem sie mein äußeres Gebaren respektieren.

Ein Abschied für eine ungewisse Zeit, das ist es, was ich erlebt habe. Doch muss er wirklich ewig sein, wie mir mein düsteres Gehirn weismachen will? Warum kann ich nicht daran denken, dass sich nichts ändern wird, abgesehen von einer Adresse? Warum muss ich daran denken, dass ein paar warme Worte und eine längere Umarmung angemessener gewesen wären? Warum glaube ich, dass der Kontakt über kurz oder lang nicht mehr existieren wird?

Neue Menschen werden kommen und gehen, so ist es immer. Das gilt für alle Beteiligten. Doch wir, die wir zurückbleiben, werden in Vergessenheit geraten, die Entfernung wird größer werden, nicht nur die räumliche. Besuche werden sporadischer, Gespräche oberflächlicher. Soziale Medien werden die Realität ablösen, doch nicht ersetzen können, da hier die gleichen Folgen auftreten werden. Warum sind dies die Gedanken, die mein Gehirn beschäftigen?

Ein Mensch verlässt mein Leben, auch wenn es nicht für immer ist.

Und dennoch fühlt es sich so ähnlich an.

Warum nur bin ich so unzulänglich, was den Umgang mit meinen Gefühlen angeht?

Wahnsinn des Alltags: Der Regenschirm - Waffe und Machtsymbol



Gleich einem klingenbewehrten Streitwagen, der sich historisch inkorrekt in einer antik anmutenden Arena in einem alten Monumentalfilm seinen Weg durch die Kontrahenten in einem Rennen auf Leben und Tod frei pflügt, bewegen sich, sobald schon der leichteste Hauch von erhöhter  Luftfeuchtigkeit zu spüren ist, ältliche, ältere und schlichtweg alte Damen, die bei dem erwähnten Wagenrennen möglicherweise unter den Zuschauern zu finden waren, durch die Innenstädte und fräsen mit ihren Regenschirmen alles weg, was nicht schnell genug ausweichen konnte oder  das Pech hatte zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

Dabei machen sie keinerlei Unterschied zwischen Männern, Frauen oder Kindern, wobei letztere bis zu einer gewissen Körpergröße vor den schlimmsten Blessuren geschützt bleiben mögen.  Köpfe, Gesichter, Augen, Hälse, Nasen, Zähne,… nichts ist sicher, der einzige Schutz lautet: Abstand halten! Besonders gefährlich wird es für den unbedarften Passanten, wenn es zu einem Engpass kommt und mehrere der lebensgefährlichen Waffen auf kleinem Raum aufeinander treffen. Das hier einsetzende Hauen und Stechen ist brutal und rücksichtslos und glücklich ist der, der nur mit leichten Blessuren seinen Weg fortsetzen kann. 

Die ältlichen, älteren oder einfach nur alten Damen merken indes von alldem nichts. Ihr Schirm schützt sie, die Angriffe der anderen Schirme prallen wirkungslos von seiner elastischen Plastikhülle ab, spüren sie, dass sie auf Widerstand gestoßen sind, kontern sie diesen mit mehr Druck und setzen ihren Weg unbeirrt fort, gleich einem Gletscher, der zu Tal rutscht.

Der Regenschirm verleiht Macht, Macht über die Massen, Macht über Leben und Tod, die Macht zum selbstbestimmten Weg.  Werden bei schönem Wetter die ältlichen, älteren und besonders die alten Damen oft übersehen, in ihrem Vorankommen behindert, belächelt oder gar mit den überheblichen Sprüchen der Jugend ob ihrer Langsamkeit bedacht, können sie bei Regen den Spieß endlich umkehren. Nun sind sie diejenigen, die das Tempo vorgeben und die unumstößlichen Herrscher der Fußgängerzonen stellen. Selbst wenn es jemand wagen sollte, sich darüber zu beschweren, so filtert der Schirm zuverlässig alle lästigen Störgeräusche und Schmerzensschreie für seine Trägerin.

So bleibt dann nur uns Opfern der Übergriffe blutdurstiger Schirmträgerinnen die Straßen zu meiden, sobald graue Wolken aufziehen und die Luft nach Regen riecht. Wenn sie ihr Zeichen der Macht erhoben haben und sich den Weg durch unachtsame Menschen bahnen, können wir nur abwarten und auf einen heißen, sonnigen Sommer hoffen.
Tja, das ist nun mein Blog. Ich möchte es nutzen um unregelmäßig Texte zu veröffentlichen, die mir im Kopf rumspuken, Gedanken, die niedergeschrieben werden wollen, Geschichten, die erzählt werden wollen... es hat schon seinen Grund, dass ich es "Chaos meines Kopfes" nannte, denn darin geht es oft ziemlich chaotisch zu!

Ich werde abwarten, ob dieses Medium denn nun auch das richtige ist und ob es für mich den gewünschten Effekt hat, nämlich mir helfen, meine Gedanken zu sortieren. Ich muss mich auch noch etwas in die Möglichkeiten der Seite reinarbeiten... aber ich bin ja lernfähig.

Ich schreibe hier unregelmäßig Dinge rein, vollkommen ungeordnet und unsortiert und vermutlich ohne einen roten Faden. Das reinste Chaos eben...