Ist der emotionale Glückszustand vielleicht auf einem Kreis und nicht auf einer geraden Linie zu messen? Kann man so tief in düstere Gedanken und Depression versinken, dass man auf der anderen Seite, fröhliche Zufriedenheit, wieder herauskommt?
Oder ist es eher Akzeptanz, Galgenhumor, heitere Gelassenheit im Angesicht des Abgrundes, der jeden Schrecken verloren hat, weil man zu oft in ihn hinabgestiegen ist?
Was es auch sein mag, es fühlt sich auf befremdliche Weise gut an.
Was leicht gestiegene Temperaturen, etwas mehr Sonneneinstrahlung und laute Musik in den Ohren doch bewirken können.
Gedanken, Geschichten, Texte, die meinem wirren Verstand entsprungen sind und die ich hier niederschreiben möchte. Und dabei vollkommen subjektiv, ohne roten Faden und den Anspruch auf Richtigkeit oder Sinn, dafür mit viel Gemecker und Bosheit.
Donnerstag, 20. Februar 2014
Dienstag, 4. Februar 2014
Der Moment
Kennst du den Moment des
Kontrollverlustes?
Es ist der Moment, in dem
du schreien, weinen und um dich schlagen möchtest, weil dir
sämtliche Zügel entglitten sind.
Kennst du den Moment der
Kapitulation?
Es ist der Moment, in dem
du keine Kraft mehr hast, nicht mehr kämpfen kannst und willst und
nur noch aufgeben willst.
Kennst du den Moment, in
dem du dir nur noch das Ende wünschst?
Es ist der Moment, in dem
du das Unaussprechliche tun würdest, in dem du diesen Augenblick zu
deinem letzten zu machen bereit bist, nur um endlich Frieden zu
empfinden.
Du wirst es niemals tun,
dein Verstand schützt dich davor...
… und doch will dieser
Wunschgedanke nicht vergehen.
Du kennst die Techniken,
die Gegenmaßnahmen, die dich aus der Dunkelheit ziehen sollen...
… und doch funktionieren
sie anscheinend in diesem Moment nicht.
Du bist dir im Klaren
darüber, dass du jemandem zum Reden brauchst, dass dies vernünftig
wäre...
… und doch schämst du
dich deiner Gedanken, deiner Stimmung zu sehr.
Du weißt, dass dieser
Moment vergänglich ist, dass er bald vorbei sein wird, denn du
hattest ihn schon häufiger...
… und doch fühlt es
sich an, als zöge er sich bis in die Unendlichkeit.
Kennst du diesen Moment?
- Ja, ich kenne ihn. -
Samstag, 25. Januar 2014
Geläster
Menschen haben die, oftmals
unangenehme, Angewohnheit über ihre Artgenossen zu reden, zu lästern
und auch gerne mal in Abwesenheit der jeweiligen Person kein gutes
Haar an derselben zu lassen. Das muss man nicht mögen, viel dagegen
unternehmen kann man aber wohl auch nicht, das ganze scheint ganz
normal und natürlich zu sein, wenn es auch bei einigen ein deutlich
ausgeprägteres Verhalten ist, als bei anderen.
Nun kann es dem Betroffenen eigentlich
vollkommen egal sein, wenn Personen, die ohnehin nicht oder nicht
mehr Teil des eigenen Lebens sind, hinter dem Rücken seltsame
Geschichten und Bösartigkeiten erzählen, zeigt so etwas doch
eigentlich eher die Unzulänglichkeiten dessen, der diese Art von
Lästereien betreibt. Ganz rational betrachtet kann man ja davon
ausgehen, dass die Folgen für einen selbst eher überschaubar sind.
Freunde, die einem nahestehen, werden
solchem Gerede ohnehin wenig Beachtung schenken.
Menschen, die das ganze hinterfragen,
werden in der Lage sein sich auch die andere Seite anzuhören und
werden den Betroffenen dann um eine Stellungnahme bitten, bei der man
die Sache klarstellen kann.
Um all jene, die aufgrund von Geläster
sich wortlos aus dem Kontaktkreis verabschieden, weil sie dieses
stumpf akzeptieren, ist es eigentlich nicht schade.
Und doch...
Und doch ist es unangenehm zu hören,
dass Menschen aus der Vergangenheit die ziemlich bösartigen
Ansichten ihrer eigenen kleinen Welt über einen selbst verbreiten.
Es gibt mehrere Gründe, aus denen dies unangenehm sein kann,
angefangen bei der Tatsache, dass man es unangenehm findet, es
unangenehm zu finden, obwohl man ja eigentlich aus den genannten
rationalen Gedanken mit entspanntem Desinteresse reagieren sollte.
Dazu kommt eine vielleicht unbewusste Angst, dass nahestehende
Menschen eben doch die auf diese Art verbreitete Propaganda glauben
könnten und dass man sie verlieren könnte. Harmoniebedürfnis,
Zorn auf die Lästerer ohne Möglichkeit dem Abhilfe zu schaffen,
gekränkter Stolz, Gerechtigkeitsempfinden und auch die enttäuschte
Hoffnung gewisse Dinge endlich hinter sich gelassen zu haben... all
das kommt wohl noch dazu und sorgt dann für schlaflose Nächte und
zielloses Grübeln über die Welt und den eigenen Platz darin.
Letztlich bleibt aber nur, wie so oft,
ein überlegter und logischer Umgang mit der Situation. Höflich,
ruhig und gefasst reagieren, denn, wie geschrieben, es ist nun einmal
vollkommen normal, dass Menschen lästern. Und wenn man es nicht
übertreibt, kann es sogar Spaß machen.
Donnerstag, 16. Januar 2014
Wache Träume
Vielleicht haben das auch schon andere
erlebt: Seltsame Situationen reihen sich aneinander, Personen
verhalten sich seltsam und alles wirkt irgendwie irreal, bis dann
plötzlich die klare und deutliche Erkenntnis zuschlägt: „Ich
schlafe... dies ist ein Traum!“ In den meisten Fällen sorgt dieses
mentale Augenöffnen auch für ein körperliches und man erwacht, in
einigen Ausnahmen verbleibt man jedoch im Schlaf und das
Traumerlebnis setzt sich fort. Man ist nun vielleicht mit mäßigem
Erfolg bemüht seinen Traum zu beeinflussen und Dinge zu tun, die man
noch nie getan hat, doch bleibt meist nur ein etwas schales Gefühl
zurück etwas verpasst zu haben. Egal ob man bei der ersten
Erkenntnis oder erst später erwacht, man hofft doch stets, dass man,
wenn dies erneut passieren sollte, sich selbst besser unter Kontrolle
hat und alles anders macht... man hätte doch tun können, was man
will.
Ist dieser Gedanke nicht eigentlich ein
bisschen traurig? Warum ist es notwendig, dass man einen Wachtraum
erlebt um endlich das zu tun, was man will? Können wir nicht in
unserem wirklichen Leben unsere Träume ausleben... oder zumindest
einen Teil davon? Sind wir so sehr in Verpflichtungen und
Alltagstrott gefangen, dass nichts für uns und von uns übrig
bleibt?
Natürlich bleiben manche Dinge allein
der Traumwelt vorbehalten: Niemand von uns wird jemals aus eigener
Kraft fliegen können, übermenschliche Kräfte entwickeln oder mit
Fabelwesen sprechen. Doch auch die vielen kleinen, einfachen Dinge,
die man erreichen kann, bleiben bei so vielen auf ihre Träume
beschränkt und werden niemals in die Realität umgesetzt. Ist es
Angst, Trägheit oder Gewohnheit, dass wir uns in unserem wahren
Leben selbst beschränken und fesseln und uns alle Mühe geben immer
auf dem sichersten und am meisten ausgetretenen Pfad zu wandeln?
Vermutlich eine Mischung aus allem.
Vielleicht ist es an der Zeit mehr zu
wagen und das Abenteuer der Traumwelt von Zeit zu Zeit auch in den
Alltag einzuflechten. Niemand sollte sich jetzt dazu aufgefordert
fühlen nackt durch die Straßen zu laufen oder von Häusern zu
springen... aber vielleicht reicht es ja schon den Mut aufzubringen
das rothaarige Mädchen anzusprechen.
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Montag, 6. Januar 2014
Nachdenklich
Bin ich doch mehr Teil des Problems als der Lösung?
Dass dies für mein eigenes Leben zutrifft, weiß ich schon lange, zu sehr stehe ich mir selbst immer wieder im Weg... aber scheinbar beschränkt sich diese Tatsache nicht nur auf mich.
Schon spannend, was ein paar simple getippte Worte in mir anrichten.
Aber ich habe es wohl auch provoziert.
Sonntag, 8. Dezember 2013
Wahnsinn des Alltags: Der Weihnachtsmarkt
Es hat durchaus seine Vorteile in der
Innenstadt zu wohnen. Einkaufsmöglichkeiten und
Unterhaltungseinrichtungen sind fußläufig erreichbar, die Anbindung
mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist relativ gut und, da der
Heimatort doch im Verhältnis nicht sonderlich groß ist, das
Verkehrsaufkommen auf den Straßen hält sich in Grenzen. Doch hat
alles Gute, Praktische in dieser Welt auch immer seine
Schattenseiten. Eine dieser Schattenseiten offenbart sich einmal
jährlich, wenn die Tage kürzer werden und die längste Nacht näher
rückt. Sie nennt sich: Weihnachtsmarkt.
Die mittelgroße Stadt rühmt sich
ihrer umso größeren Tradition der vorweihnachtlichen Fress-,
Plunder- und Saufbuden, die sich mittlerweile auf so gut wie jeder
freien Fläche der Innenstadt finden. Ergänzt werden diese
sicherlich sehr festlichen Angebote durch Karussells, ein Riesenrad
und Straßenmusikanten, die sich von der vorbei drängenden
Menschenmasse ein wenig Kleingeld erhoffen, während sie mehr
schlecht als recht in der Kälte stehend Weihnachtslieder frei
interpretieren. Natürlich wittern auch die Einzelhändler und
Gastronomen der Innenstadt das Geschäft und geben sich alle Mühe
einen möglichst großen Anteil der besinnlich drängelnden Leute für
ihre Angebote zu begeistern. So bietet sich dann dem Eingeborenen
bereits an Werktagen, wenn das Personenaufkommen nicht so enorm ist,
ein wahrer Spießrutenlauf um sein meist klar definiertes Ziel zu
erreichen, wenn er sich aus dem Haus wagt. Verengte Wege durch die
bereits Wochen vor Eröffnung aufgestellten Holzbuden, Slalom-Kurse
um die weiter ins Sichtfeld verlegten Auslagen der Geschäfte und die
vergebene Mühe nicht ständig in Körperkontakt mit völlig Fremden
zu geraten, die immer wieder abrupt stehen bleiben, sich quer zur
Gangrichtung bewegen und ganz allgemein schrecklich verwirrt
scheinen, kennzeichnen den eigentlich harmlosen Gang um noch schnell
ein Pfund Zucker aus dem Supermarkt zu holen.
Doch der wahre Schrecken wartet am
Wochenende.
Kann man in der Woche in den meisten
Fällen als Ortskundiger noch die schlimmsten Engpässe und
Ansammlungen von Menschengezücht umgehen und vermeiden, wird dies
zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend fast unmöglich. Selbst
in kleinen, abgelegenen Straßen, die weit von den bunten und so
abwechslungsreichen Angeboten des Weihnachtsmarktes entfernt liegen,
tummeln sich kleine oder größere Gruppen von Personen, sei es, weil
sie sich verirrt haben oder sei es, weil sie der Meinung sind, dass
sie hier die Stimmung besser erleben können. So stellt sich dann dem
unschuldigen Spaziergänger, der eigentlich nur etwas frische Luft
atmen (was auch schwierig ist, sie scheint in einem Umkreis von
hunderten Metern von Bratenfettdünsten und Zuckerhauch erfüllt zu
sein) und sich durch etwas Ruhe entspannen wollte, eine ganze Horde
entgegen, durch Glühwein alkoholisierte ältere Menschen, quengelnde
Kinder, vom Weg abgekommene Touristen, die eine möglichst genau
Wegbeschreibung zu der aktuell am weitesten entfernten
Sehenswürdigkeit erfragen, Einheimische, die niemals auch nur einen
Fuß in diese Straßen gesetzt haben außerhalb des Adventes und noch
viele andere angenehme Zeitgenossen mehr. Wenn dann noch Personen in
Löwen-, Waschbären- und Kuhkostümen des Weges kommen, ist der
Punkt erreicht, an dem nur noch die Flucht in die eigenen vier Wände
bleibt, aus denen man all diese seltsamen Kreaturen aussperren kann.
Sicherlich sind solche Ärgernisse
absehbar, wenn man sich für eine Wohnung in der Innenstadt
entscheidet. Es ertragen und den Jahreswechsel erwarten bleiben die
beiden Instrumente, die einem nur bleiben. Und offenbar gibt es auch
immer noch die Möglichkeit sich einigermaßen ungestört draußen zu
bewegen: Der Spaziergang zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht auf den
Sonntag war sehr entspannend.
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Donnerstag, 28. November 2013
Story: Jahreswechsel
Ein dünnes Lächeln, das gerade eben
seine Augen erreichte, erschien auf Lukas' Gesicht, als er die SMS
las. Am Rande registrierte er, dass er schon länger nicht mehr
ehrlich und tief empfunden gelächelt hatte, die Muskelbewegung
seines Gesichtes fühlte sich schon fast ungewohnt an. Offensichtlich
war sein langer Brief im weit entfernten München bei seiner
Schulfreundin angekommen, die dort seit einigen Jahren studierte. Der
Kontakt war mehr oder minder eingeschlafen, was beide bei den
seltenen Gelegenheiten der Kommunikation sehr bedauerten. Sie freute
sich der SMS nach sehr über den Brief, den er mit Bildern aus der
Heimat und amüsanten Anekdoten gefüllt hatte. Immer noch lächelnd
tippte Lukas eine Antwort in sein Handy. Im Gegensatz zu ihr war er
nicht sonderlich herumgekommen, er wohnte noch immer nur knapp 20 km
von seinem Elternhaus entfernt, während sie vor und während ihres
Studiums die halbe Welt bereist hatte. Nachdem die kurze und
freundliche Antwort verschickt worden war, steckte Lukas seine Hände
tief in seine Hosentaschen um sie aufzuwärmen. Der Winter hatte,
wenn auch noch nicht dem Kalender nach, Einzug gehalten, ein eisiger
Wind wehte durch die Straßen und ging durch Mark und Bein.
Das Ende des Jahres stand bevor,
überall tauchten leuchtende Dekorationselemente auf, die
Fußgängerzone stand voller Buden, aus denen es abwechselnd nach
altem Fett oder Zucker roch und die Menschen rannten umher, als
würden sie gejagt werden. In etwas weniger als einem Monat stand
Weihnachten ins Haus und wie in jedem Jahr mussten riesige Mengen an
Präsenten herangeschafft werden, um alle Familienmitglieder, Freunde
und in einigen Fällen wohl auch noch Nachbarn und Haustiere
zufrieden zu stellen. Lukas hatte kaum einen Blick für das
gestresste Treiben um ihn herum, gedankenverloren und eher instinktiv
wich er immer wieder Passanten aus. Auch er suchte etwas, doch war es
etwas ganz anderes.
Das Vorhaben stand seit einigen Wochen
für ihn fest. Auch über die Zeit war er sich schon sicher,
Silvester sollte es passieren, im Idealfall um Mitternacht. Das wo
und das wie gestalteten sich allerdings schwieriger. Er hatte schon
in der Vergangenheit häufiger über diese Möglichkeit nachgedacht
und auch über Methoden es durch zu ziehen. Er wollte, dass es
schnell und einigermaßen schmerzlos ginge, was gar nicht so leicht
war, wie er durch seine Recherchen erfahren musste.
Aufmerksam blickte er sich auf seinem
Weg in der Stadt um, betrachtete nachdenklich und kritisch hohe
Gebäude, Brücken und Denkmäler. Die meisten Brücken waren ihm
nicht hoch genug, die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges war gering.
Hohe Gebäude waren genug vorhanden, doch stellte sich hier die Frage
des Zugangs. Er musste bedenken, dass er mitten in der Silvesternacht
in das Haus hinein und auf das Dach gelangen musste ohne aufgehalten
zu werden. Brücken waren da natürlich einfacher, weil frei
zugänglich. Lukas legte seinen Kopf in den Nacken um die Spitze
eines Kirchturms zu betrachten. Nun ja, vermutlich nicht praktikabel.
Es fing vor einigen Jahren an, dass
Lukas begonnen hatte sich Ultimaten zu setzen. Aus Unzufriedenheit
mit seinem Leben, Depression und Furcht vor der Zukunft hatte er oft
an speziellen Terminen wie seinem Geburtstag, Silvester, Weihnachten
oder ähnlichem mit sich selbst ausgemacht, es in einem Jahr zu tun,
wenn er bis dahin sein Leben nicht im Griff hätte. Doch er hatte es
niemals umgesetzt, ihn hatte jedes Mal der Mut verlassen... oder
hatte er ihn wieder gefunden? In diesem Jahr war es anders. Woran es
lag, konnte er nicht sagen, aber es war ihm von einem auf den anderen
Moment klar geworden. Er würde es tun, er würde planvoll vorgehen
und sich vorbereiten, es konnte nur noch diese Lösung geben.
Auf einer der Brücken, die aus der
Innenstadt hinausführten, blieb Lukas stehen und blickte hinab. Die
Höhe mochte genügen, das Geländer war kein Hindernis und der Ort
war leicht erreichbar. Vermutlich würden an Silvester einige Leute
hier sein um das Feuerwerk zu betrachten, selbst Dinge in die Luft zu
sprengen oder einfach nur in Gesellschaft den Jahreswechsel zu
feiern. Lukas dachte kurz nach, war sich dann aber sicher, dass sie
ihn wohl kaum würden aufhalten können, wenn sie es überhaupt
bemerkten. Er ließ seinen Blick über die Straße wandern, die sich
in einiger Entfernung unter ihm entlang zog und auf der Autos dahin
rasten. Der Verkehr würde an Silvester kein Problem sein, die Höhe
machte ihn allerdings nun doch skeptisch. Es würde genügen müssen,
einen besseren Ort konnte er nicht finden. Kopf voran, dann sollte
nichts schiefgehen.
Zum planvollen Vorgehen gehörten auch
Gedanken an seine Freunde und Familie. Mit der zweiten hatte er sich
bereits vor Jahren zerstritten, doch gab es noch einige Leute, die
ihm etwas bedeuteten, und von denen er glaubte, dass er ihnen auch
etwas bedeutete. Beinahe hätte er an dieser Stelle seinen Plan
wieder verworfen. Nach einigem Nachdenken und Abwägen entschied er
sich auch hier für eine methodische Vorgehensweise. Er würde sein
Bestes geben um den Menschen, die er mochte, noch ein letztes Mal ein
gutes Gefühl zu geben, als vorgezogene Abbitte für seine Tat, als
Zeichen der Zuneigung, um sich selbst besser zu fühlen, wie es viele
Wohltäter wohl tun. Begonnen hatte er vor zwei Tagen mit dem Brief
an seine Schulfreundin, weitere Briefe und Karten hatte er heute in
den Briefkasten geworfen, bevor er sich auf die Suche nach dem
geeigneten Ort gemacht hatte.
Zurück in seiner kleinen Wohnung ließ
Lukas sich in seinen Sessel fallen ohne das Licht einzuschalten. Die
Stille war erdrückend und er hielt es nur wenige Minuten aus, dann
musste er den Fernseher einschalten. Belangloses Geplapper und
Gedudel übertönten seine Gedanken und sorgten für einen Augenblick
der Entspannung. Der Moment glitt schnell vorbei und er spürte den
Tatendrang in sich. Lukas startete seinen Laptop und rief die Liste
auf. Er hatte all jene Personen, denen er noch etwas Gutes tun
wollte, zusammengetragen und brütete nun über den Namen. Er hatte
noch einiges vor sich.
In den nächsten Tagen war Lukas sehr
aktiv. Er kündigte seine Arbeit und verkaufte einen großen Teil
seines Besitzes, den er bald ohnehin nicht mehr brauchen würde. Das
Geld wollte er verwenden für die vielen kleinen Aktionen, die er für
seine Freunde geplant hatte. Pakete mit kleinen Geschenken wurden im
nächsten Schritt an verschiedene Orte verschickt, jedes speziell und
passend für die jeweilige Person ausgewählt. Lukas verabredete sich
an jedem Tag mit jemandem, widmete all seine Zeit den Menschen, die
er liebte. Manch einer reagierte überrascht oder verwundert, alle
freuten sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Lukas
blühte in diesen Tagen und Wochen förmlich auf und lebte so
intensiv, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er wurde ebenfalls oft
eingeladen und verbrachte viel Zeit mit seinen Freunden, doch stets
wich er der Frage nach der Silvesterplanung aus und gab vor, bereits
etwas anderes geplant zu haben.
Der große Tag rückte näher.
Weihnachten kam und ging und plötzlich wachte Lukas auf und es war
Silvester. Er blieb an diesem Tag lange im Bett liegen und starrte an
die Decke. Nachdem es nun endlich soweit war, fühlte er sich doch
wieder unsicher. Sollte er es tatsächlich tun? Der Monat, der hinter
ihm lag, war so anders gewesen, als die trüben Tage zuvor, die ihn
zu dieser Entscheidung getrieben hatten. Irgendwann ließ er seinen
Blick aus dem Fenster hinaus gleiten, sah die graue Wolkendecke und
die Regentropfen an der Scheibe. Er kletterte aus dem Bett und
bereitete sich für den Tag vor. Draußen hörte er die ersten
Feuerwerkskörper, die von Ungeduldigen gezündet wurden.
Der Tag zog sich hin wie Kaugummi,
immer wieder schaute Lukas auf die Uhr und konnte kaum einen klaren
Gedanken fassen. Am frühen Nachmittag verließ er seine Wohnung um
einen Stapel mit vorbereiteten Briefen einzuwerfen. Er wollte seine
Angelegenheiten geregelt wissen und hatte an all jene Unternehmen und
Ämter, die Teil seines Lebens waren, erklärende Briefe und
Kündigungen geschrieben, Banken, Versicherungen,
Telefongesellschaft,... und er hatte Abschiedsbriefe an seine Freunde
vorbereitet, für jeden von ihnen einen einzelnen, individuellen, in
dem er sein Verhalten zu erklären versuchte und um Verständnis bat.
Die Briefe würden wohl am 2. oder 3. bei den Empfängern eintreffen,
Tage nachdem er es getan hatte.
Der Abend brach an. Lukas aß ein
wenig, hatte aber eigentlich keinen Hunger mehr. Aus den Häusern und
Wohnungen ringsum hörte er Gelächter und Feiern, draußen knallte
und blitzte es inzwischen fast ununterbrochen. Die letzten Stunden
bis Mitternacht kamen ihm wie die längsten seines Lebens vor. Immer
wieder kamen ihm Zweifel, ob er das richtige tat. Doch letztlich war
es nun zu spät, er hatte bereits allen mitgeteilt, was er tun würde,
ein Rückzieher war nicht mehr möglich. Kurz vor Mitternacht zog er
sich an, löschte alle Lichter in der Wohnung und zog alle
Elektrogeräte vom Netz ab. Ein Schreiben mit Anweisungen, was mit
seinem verbliebenen Besitz zu geschehen habe, legte er gut sichtbar
auf den Küchentisch. Sein Handy, seine Uhr und seine Brieftasche
legte er daneben, er würde beides nicht mehr brauchen. Er blickte
sich noch ein letztes Mal um, verließ dann die Wohnung und zog die
Tür hinter sich ins Schloss. Den Schlüssel ließ er stecken, er
würde auch ihn nicht mehr brauchen.
Unten auf der Straße feierten die
Menschen den bevorstehenden Jahreswechsel. Der Regen hatte aufgehört
und es wäre wohl eine sternenklare Nacht gewesen, wäre die Luft
nicht von Raketen und Schwefeldämpfen erfüllt gewesen. Lukas nickte
einigen Nachbarn zu und machte sich dann auf den Weg. Er gab sich
alle Mühe den Menschen auszuweichen, ganz gelang es ihm nicht, er
wurde einige Male von offenbar übermäßig euphorischen Fremden in
den Arm genommen und eingeladen mit ihnen zu feiern. Etwas verlegen
lehnte er jedes Mal ab und bemühte sich sein Ziel zu erreichen.
Die Brücke war, wie er es erwartet
hatte, von einigen Leuten als Aussichtspunkt gewählt worden, doch
hielt sich die Menge in Grenzen. Lukas hielt sich von ihnen fern und
lehnte sich an das Geländer. Neben all den blitzenden und
leuchtenden Farbspielen konnte er den Kirchturm sehen, an dessen Uhr
die Zeiger sich nun unaufhaltsam Mitternacht näherten. Nachdenklich
schaute er nach unten. Tatsächlich fuhren heute keine Autos und
glücklicherweise hielten sich auch keine Menschen dort auf. Es
schien alles nach Plan zu verlaufen.
Die Glocke schlug. Es war so weit.
Lukas ließ einen langen Blick über das Feuerwerk schweifen, das
nun, als das neue Jahr anbrach, noch viel farbenprächtiger und
ausgelassener zu werden schien. Er hörte überall die Menschen, die
sich in die Arme fielen und sich ein frohes neues Jahr wünschten,
als er sich langsam an dem Geländer hochzog. Die Glocke schlug noch
mehrmals, der letzte Zweifel regte sich in Lukas' Geist, als er dort
stand, unter sich die Leere und der harte Asphalt. Kurz überlegte er
wieder herunter zu steigen, da hörte er hinter sich überraschte,
erschrockene Stimmen, die sich ihm schnell näherten. Offenbar wollte
man ihn von seinem Vorhaben abhalten, die Entscheidung war gefallen.
Lukas atmete durch, der letzte Atemzug seines Lebens, dann trat er
ins Leere.
In seiner dunklen Wohnung begann sein
Handy zu piepen und zu vibrieren, als die Neujahrsgrüße seiner
Freunde eingingen.
Freitag, 25. Oktober 2013
Liebe und so
Ich führe seit einiger Zeit mit meiner
Partnerin eine offene Beziehung. Für uns bedeutet das, dass jeder
von uns auch mit anderen Personen in sexuellen Kontakt treten kann,
wenn dies abgesprochen wurde und der Partner nicht von seinem
Veto-Recht Gebrauch macht. Menschen reagieren sehr unterschiedlich
auf diese Tatsache. Manch einer heißt dies einfach gut und
akzeptiert es, manch einer lehnt es ab und schüttelt nur den Kopf
und die meisten sind neugierig, wenn auch skeptisch, und stellen
Fragen. Eine der beliebtesten Fragen, die immer wieder kommt, ist
hierbei:
„Habt ihr keine
Angst, dass sich einer von euch dabei verliebt?“
Um genau diese Frage, ihre
Implikationen und ihre Beantwortung soll es sich hier drehen. Ich
sehe hierbei zwei Ansätze, die ich nacheinander verfolgen will, die
aber sicherlich auch ineinander verknüpft sind.
1. Angst führt in den Wahnsinn.
Im Grunde genommen besteht ständig und
immer die Gefahr, dass sich ein Mensch (neu) verliebt. Er muss dazu
nicht mit jemandem schlafen, vermutlich sind die meisten Menschen
schon verliebt, bevor sie sich einem anderen auch körperlich
hingeben. Sei es bei einem gemeinsamen Kinobesuch, einem Kaffee,
einer Party bei Freunden, einem kurzen Blickkontakt im Bus... selbst
bei so etwas kräftezehrenden und unerotischem wie einem Umzug sollen
sich bereits Paare kennen und lieben gelernt haben. Die Liebe lauert
überall, wenn man also diese Angst empfindet, dass der Partner sich
beim Sex mit einer anderen Person in diese vergucken könnte, ist das
der erste Schritt auf einer sehr rutschigen Straße von Eifersucht,
Unsicherheit und Zweifel, da man ziemlich schnell realisiert, in wie
vielen anderen Situationen dies ebenfalls passieren kann. Wenn man
nun aber vernünftig und mit klarem Kopf an die Sache herangeht und
akzeptiert, dass diese Gefahr ohnehin allgegenwärtig ist, egal was
man tut, kann man auch einfach auf die Angst verzichten. Alternativ
dürfte man den Partner wohl konsequenterweise nicht mehr allein das
Haus verlassen lassen, was wohl in niemandes Sinne ist. Verhalten wir
uns also wie vernünftige Erwachsene und erkennen die Irrationalität
dieser speziellen Angst.
2. Wäre es denn so schlimm?
Sicherlich kann man auch mit einer
Person den Koitus vollziehen, für die man keine tieferen Gefühle
als körperliche Anziehungskraft hegt, doch ist das Erlebnis in der
Regel intensiver und angenehmer, wenn die Beteiligten sich zumindest
sympathisch finden. Dementsprechend ist in den meisten Fällen, in
denen man "es" außerhalb seiner Partnerschaft tut, eine gewisse
Attraktion zwischen den Handelnden schon vorhanden, die natürlich
durch ausgeschüttete Hormone noch verstärkt wird. Man kann eine
gewisse „Verknalltheit“ nicht leugnen, die entsteht, wobei hier
die zu Beginn des Absatzes gestellte Frage abgewandelt aufgegriffen
werden muss: Ist das denn so schlimm? Wenn man ehrlich zu sich selbst
ist und in sich geht, taucht dieses Gefühl der Schwärmerei und
Verliebtheit doch immer mal wieder auf, auch wenn man seit vielen
Jahren glücklich in einer Beziehung zu einem anderen Menschen ist
und sich die Gefühle für den Partner nicht verringert haben. Man
lernt eine Person kennen, die auf bestimmte Weise die eigenen
Interessen oder Meinungen teilt, man hat einen ähnlichen Humor,
fühlt sich zu dieser Person hingezogen und schon fühlt man sich
wieder wie ein Teenie, der Hals über Kopf verschossen ist. Jetzt
kommt allerdings wieder der Part des Erwachsenen, den vermutlich in
so einer Situation nicht jeder bewältigen kann, man muss diese
Gefühle reflektieren und relativieren können. Ist es das, was ich
will, liebe ich meinen Partner nicht mehr, kann ich nur mit dieser
neuen Person glücklich sein? Oder ist es einfach nur eine
kurzzeitige Schwärmerei, hat sich an den Gefühlen für meinen
Partner nichts geändert, will ich überhaupt nichts ändern an der
aktuellen Situation? Es geht hierbei nicht darum Gefühle zu
unterdrücken, es geht darum Gefühle zu verstehen und mit ihnen
umzugehen. Ich gebe zu, dass es in meiner langjährigen Beziehung
mehrere Male vorkam, dass ich mich, obwohl ich meine Partnerin liebe
und wir wunderbar harmonieren, kurzzeitig in eine andere Person auch
ohne Kopulation verguckt habe und lernen musste mit diesen Gefühlen
umzugehen. Ich weiß, dass es ihr auch ähnlich ergangen ist.
Entscheidend ist eben zu wissen, was man will oder es eben
herauszufinden, wenn man unsicher ist.
Beide Punkte haben im Grunde
die gleiche Aussage und geben die gleiche Antwort auf die Frage oben:
Wenn man erwachsen und
vernünftig damit umgeht, stellt das kein Problem dar.
Ein etwas lockerer Umgang
mit der ganzen Thematik wäre wohl oft sinnvoll. Meiner persönlichen
Meinung nach sind Menschen ohnehin nicht für die Monogamie
geschaffen und durchaus auch in der Lage mehr als eine andere Person
wirklich und wahrhaftig zu lieben, wenn sie sich das eingestehen und
es zulassen.
Vermutlich wäre die Welt ein noch
traurigerer Ort, wenn es nicht so wäre.
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