Dienstag, 31. März 2015

Die Antwort...

... ist natürlich zweiundvierzig. Dies ist der 42. Beitrag in diesem Blog. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit... keit ... eit... eit... (Das Echo verhallt in dem riesigen leeren Raum).

Kurzgeschichte: Vor dem Spiegel.

Die Vorgabe war: Eine Woche Zeit, Fantasygenre, die Stichworte "Liebe, Mord, Spiegel" und eine Länge von 5000 bis 10000 Zeichen. Es wurden 9361.

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Ich erinnere mich, dass ich mich freute, als der Spiegel endlich geliefert wurde. Groß war er, vier kräftige Männer trugen ihn, jeder an einer Ecke, ich konnte ihnen die Anstrengung ansehen. Leicht nervös versuchte ich sicherzustellen, dass sie das gute Stück nicht beschädigten, sie versuchten sich ihren Ärger über meine Anweisungen nicht anmerken zu lassen, doch ich sah es wohl. Es war schon immer Teil meiner Position die Menschen zu durchschauen. Man benötigt diese Fähigkeit als Patriarch eines Hohen Hauses in dieser Stadt, sonst endet die eigene Herrschaft zwangsläufig sehr abrupt.
Als der Spiegel endlich an Ort und Stelle war, betrachtete ich ihn ausgiebig und suchte nach möglichen Transportschäden. Doch die Träger hatten ganze Arbeit geleistet und sich sehr viel Mühe gegeben, die glatte Oberfläche war makellos und auch der wuchtige verschnörkelte Rahmen aus dunklem Holz wies keinerlei Kratzer auf. Ich nickte ihnen zufrieden zu und ließ jedem von ihnen ein Silberstück durch einen meiner Hausdiener aushändigen. Sie gaben sich alle Mühe ihrem Dank Ausdruck zu verleihen und verschwanden schleunigst, scheinbar machte sie die ungewohnte Umgebung nervös. Vermutlich haben sie das Silber noch am selben Abend in einer der zahllosen Kneipen der Unterschicht versoffen, aber das scherte mich nicht. Ich hatte nur Augen für den Spiegel.

Der Hexenmeister Janus, bei dem ich ihn erstanden hatte, hatte mir klare Anweisungen für seine Benutzung mit auf den Weg gegeben.
Stellt Euch vor den Spiegel, schließt eure Augen und konzentriert euch für einige Sekunden intensiv auf den Ort oder die Person, die ihr sehen wollt. Öffnet sodann Eure Augen und Ihr werdet das gewünschte Bild vor Euch sehen.“ Janus hatte bei diesen Worten seinen langen weißen Bart gestreichelt. Ich weiß, dass ich mich sehr bemühen musste meinen Abscheu gegenüber der Kreatur vor mir zu verbergen. Blass und gebeugt hatte er in dem Raum gesessen, den er offenbar als sein Studierzimmer ansah. Er wirkte unterernährt, sein Schädel war kahl und voller seltsamer Flecken. Sein Bart, den er so voller Stolz liebkoste, war dünn und strähnig, man konnte sein weißes Kinn darunter hervor scheinen sehen. Von der Qualität seiner Kleidung und den lächerlichen Einrichtungsgegenständen, die wohl seine Kunden in die richtige Stimmung versetzen sollten, obwohl man deutlich sah, das keiner davon echt war, will ich gar nicht erst anfangen. Janus hatte mich nach seinen Worten angegrinst, die Zahnlücken in seinem Mund passten zu seinem fauligen Atem. Ich hielt die Luft an.
Aber seid gewarnt, Herr“, er hob den Zeigefinger, als würde er zu einem Schuljungen sprechen, „verwendet den Spiegel nur, wenn es wirklich vonnöten ist, jede Benutzung birgt ein gewisses Risiko für den ungeschulten Geist.“
Ich hatte nur genickt und ihm mit spitzen Fingern den Beutel mit der fürstlichen Summe überreicht, die wir für den Zauberspiegel ausgehandelt hatten. Sein Grinsen war dabei noch etwas breiter und gieriger geworden.

Und nun stand er endlich vor mir und ich konnte ihn nach Belieben verwenden. Wie ich schon erwähnte, das Durchschauen der Menschen ist wichtig für den Erfolg meiner Position, mit diesem kleinen, magischen Hilfsmittel jedoch würde ich in kürzester Zeit mein Haus zum mächtigsten der gesamten Stadt machen. Kein Schritt meiner Gegner würde mir verborgen bleiben. Jedes Auflehnen gegen meine Macht wäre vergebens. All ihre Geheimnisse lagen offen vor mir. Ich lächelte vergnügt und betrachtete mein Spiegelbild, das noch viel vergnügter wirkte, als ich mich fühlte. Ich überlegte, auf welche Weise ich meine neue Investition wohl testen sollte.
Die Entscheidung kam schnell, ich wollte einen Blick in die Ratshalle werfen. Ich schloss die Augen und stellte sie mir vor. Ich hatte viele Stunden dort verbracht, somit war es kein Problem sie mir vor mein geistiges Auge zu rufen. Nach einigen Sekunden öffnete ich meine Augen wieder und betrachtete den Spiegel. Er sah seltsam verschwommen aus, als wäre er schlecht gearbeitet oder von einem öligen Film bedeckt. Dann verschwand mein Spiegelbild und ich sah die mir so bekannte Ratshalle. Ich grinste. Es hatte funktioniert.
Die Halle war zu dieser Zeit leer, die nächste Sitzung stand erst am nächsten Morgen an. Ich stellte fest, dass ich mit einfachen Gedanken das Bild bewegen konnte, so dass ich den Raum aus verschiedenen Blickrichtungen betrachten konnte. Nachdem ich mich kurz abgewandt hatte, war jedoch wieder nur mein eigenes Spiegelbild in der glatten Oberfläche zu sehen.
In den nächsten Tagen und Wochen benutzte ich ihn immer wieder, meinen Zauberspiegel. Ich lernte, dass ich auch hören konnte, was gesprochen wurde, wenn ich mich auf Menschen konzentrierte und sie heimlich beobachtete. Die durch dieses magische Kleinod gewonnenen Informationen brachten meine Geschäfte gewaltig in Schwung, kein Geheimnis meiner Konkurrenz blieb mir verborgen und meine politischen Gegner konnten keine Intrigen gegen mich spinnen, von denen ich nicht nach kürzester Zeit gewusst hätte. Doch dann, auf dem Höhepunkt meiner Macht und meiner Möglichkeiten, sah ich sie.
Ich bespitzelte gerade einen meiner ärgsten Widersacher, als meine Aufmerksamkeit von einer jungen Dame im Hintergrund der Szene gefangen wurde. Sie war das liebreizendste Wesen, auf das meine Augen jemals fielen und ich war ihr sofort verfallen. Im Nu war der eigentliche Zweck meiner Sondierung vergessen und ihr Antlitz füllte den gesamten Spiegel vor mir aus. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit ihr zuzuschauen, sie zu bewundern und alles über sie zu erfahren.
Sie schien eine Freundin der Tochter meines Feindes zu sein, jedenfalls gingen die beiden Mädchen sehr freundschaftlich miteinander um. Ich sah ihnen beim Essen zu, beim Spaziergang durch die Gärten und beim Herumalbern über belanglose Themen. Ich vergaß darüber vollkommen die Zeit.
In den nächsten Tagen ging es bergab mit mir. Ich verpasste immer wieder Ratssitzungen. Der Zauberspiegel, der mir eigentlich nur für geschäftliche Zwecke dienen sollte, wurde von mir nur noch für die Beobachtung meiner Angebeteten benutzt. Kaum hatte ich am Morgen das Bett verlassen, begab ich mich zu meinem Fenster in die Welt und dachte an ihr hübsches Gesicht. Den Rest des Tages verbrachte ich zumeist mit ihr, wenn auch nur von ferne. Ich aß wenig, vernachlässigte meine Geschäfte und mein Haus. Ich ließ meine Freunde und Verbündeten durch Diener abwimmeln, auch wenn ihre Anfragen immer dringlicher wurden. Ich nahm es kaum wahr, aber auch meine Dienerschaft wurde kleiner, da ich mich mit Dingen wie Lohnzahlungen nicht auseinander setzen wollte.
Dann kam das Ende. Eines Tages sah ich sie mit einem jungen Mann auf einem Spaziergang. Sie hatte sich bei ihm unter gehakt und lachte über einen blödsinnigen Scherz, den er gemacht hatte. Mein Herz zerriss fast bei diesem Anblick und meine Eifersucht wurde geweckt. Wie konnte er es wagen meine Geliebte anzusprechen, zu berühren, womöglich zu verführen? So sehr ich mir auch einreden wollte, dass sie ihn sicherlich abweisen und mir treu bleiben würde, so sehr sprachen auch alle Anzeichen dagegen. In der folgenden Zeit sah ich ihn immer häufiger in ihrer Gegenwart. Sie verbrachten die Nachmittage miteinander, einige Male besuchten sie gemeinsam ein Theater. Meine Verzweiflung und meine Wut auf meinen Nebenbuhler wuchs stetig an, doch was sollte ich tun? Ich konnte nur hilflos zusehen, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Konnte sie nicht sehen, dass er nur mit ihr spielte, dass er sie verletzen würde? Er war nicht gut für sie.
Beim letzten Mal, als ich die beiden durch den Spiegel beobachtete, gingen sie am späten Abend durch die Gärten. Ich schrie gepeinigt auf, als er sich herunter beugte und sie küsste, sie wehrte sich nicht, ließ es zu. Hasserfüllt sah ich, wie er sie zu einer Bank führte und seine Liebkosungen fortsetzte. Ich konnte doch nicht einfach nur zusehen, ich musste handeln! Jeder hätte in dieser Situation gehandelt, wenn er noch einigermaßen bei klarem Verstand gewesen wäre. Seit Wochen zum ersten Male fiel mir auf, dass ich ja nur Ereignisse beobachtete, die wahrhaftig gerade stattfanden. Ich konnte eingreifen, ich musste mich nur von dem Spiegel losreißen.
Dies gestaltete sich sehr schwierig. Ich musste meine gesamte verbliebene Willenskraft einsetzen, um nur den Kopf zu drehen. Als das Bild der beiden auf der Bank verschwunden war, blickte ich in mein Gesicht. Ich hatte anscheinend etwas abgenommen. Eine Rasur würde mir gut tun. Aber die kalte, klare, ein wenig fiebrige Entschlossenheit in meinen weit aufgerissenen Augen machte mir Mut. Mit einer schnellen Handbewegung stieß ich den Zauberspiegel um, der mich so lange gefangen hatte. Ich würde nun aktiv werden und nicht länger der Zuschauer sein. Er zersprang auf dem kalten harten Steinboden in tausend Scherben. Ich grinste breit und griff mir die größte von ihnen, achtete nicht auf das Blut, das mir dabei über die Hand lief, als die scharfe Bruchkante in mein Fleisch schnitt. Den Weg in die Gärten kannte ich, ich würde die beiden schon finden und mir dann nehmen, was mir gehörte.
Im Hinausgehen glaubte ich kurz das breite Grinsen und die Zahnlücken des Hexenmeisters in einem der Spiegelfragmente am Boden zu sehen, dann war es das liebliche Lächeln meiner Angebeteten; doch bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es nur mein eigenes Spiegelbild war.

Montag, 30. März 2015

Die graue Wut

Ich bin wütend. Leider weiß ich nicht genau, warum...

Es geht schon seit Wochen so. Kleinste Kleinigkeiten ärgern mich. Das Verhalten meiner Mitmenschen lässt mich innerlich schreien. Ereignisse und Situationen führen zur gleichen Reaktion. Zusätzlich spüre ich Wut auf mich selbst, zum Teil eben auch, weil ich diese Wut empfinde, ein Teufelskreis. Man stelle sich an dieser Stelle mein betroffenes Kopfschütteln vor.

Des Nachts liege ich in meinem Bett, starre an die Decke und diskutiere in meinem Kopf. Ob mit mir selbst oder mit anderen Personen, es läuft immer darauf hinaus, dass ich meine Fehler in vergangenen Situationen und Begegnungen erkenne und wiederum wütend bin, dass ich so falsch gehandelt habe. Zudem regt es mich auf, dass ich diese Gehirndiskussionen überhaupt führe, da sie natürlich meinen Nachtschlaf negativ beeinflussen. Dementsprechend bin ich am nächsten Tag aus Schlafmangel wiederum schlecht gelaunt und/oder nicht so leistungsfähig, wie ich es gerne wäre und... ja, auch hier ist wieder das selbstmitleidige Kopfschütteln passend.

Wo fühlt man die Wut? Ich spüre sie im Kopf, oben, an der Schädeldecke. Wenn sie da ist, ist es wie ein leichter Druck, der nach außen drängt. Zudem spannt sich der Kiefer an und der Brustkorb fühlt sich an, als wolle er sich wie eine Blume öffnen, aufbrechen, als wolle das Herz jemanden anspringen und beißen. Da diese Wut eine graue, hilflose ist (weil ich ihre ursprüngliche Ursache nicht genau kenne, nur ihre Auslöser), kommt noch eine Muskelanspannung in den Armen und Beinen dazu. Der unterdrückte Impuls jemanden zu packen und zu schütteln und anzuschreien. Kopfschütteln? Natürlich.

Was tut man nun dagegen? Positive Erlebnisse entgegensetzen. Sich entweder den Gedanken stellen und sie lösen oder sie durch weniger negative ersetzen. Bewegung und solche Dinge. Soziale Kontakte. Das klingt doch alles sehr vernünftig und einfach. Zusammenfassen kann man das vermutlich in langem, befriedigenden, kräftezehrendem Sex. Damit müsste alles abgedeckt sein... Freiwillige vor! Was soll jetzt das Kopfschütteln?!

Donnerstag, 26. Februar 2015

Die Falle der Faulheit

Mein neues Sofa frisst meine Kreativität und meinen Elan. Ich fürchte, es ernährt sich davon, wird stärker, gefährlicher und irgendwann eine Bedrohung für den Rest der Menschheit.

Vor einigen Wochen kam es an und dominiert seitdem mit seinen enormen Ausmaßen und seiner nicht zu leugnenden Bequemheit (ist das überhaupt ein Wort? So weit ist es schon gekommen...) das Wohnzimmer. Vorerst weichen mussten dafür Schreibtisch und Schreibtischstuhl, die in den nächsten Umbauphasen sicherlich wieder einen Platz erhalten werden. Zunächst war das kein Problem.

„Ich habe doch vorher auch oft mit dem Laptop auf dem Sofa gesessen und geschrieben, warum sollte das nun anders sein?“

Doch es ist anders. Man sitzt nicht auf diesem Möbelstück der Trägheit, man liegt, lümmelt oder fläzt. Sämtliche instinktiv darauf eingenommenen Langzeitpositionen sind nicht förderlich für konzentrierte Arbeit oder gar komplexe Denkprozesse, sondern regen nur Faulheit und Entspannung an.

All die kreativen Einfälle, Geistesblitze und Ideen, die man über den Tag verteilt so ansammelt und gerne zuhause umsetzen möchte, sie verschwinden ins Nichts, werden aufgesaugt und von Lethargie und Stumpfsinn verdrängt, sobald man Platz genommen hat. Im Nu ist es tiefste Nacht und man wundert sich, wo die Zeit geblieben ist und warum man nichts geschafft hat, während das teuflische Sitzmöbel unschuldig an seinem Platz steht, als hätte es mit der ganzen Situation nichts zu tun und als wolle es sagen: "Ach, entspann dich. Leg doch vielleicht die Füße ein wenig hoch, das ist bestimmt noch angenehmer." Draußen vor dem Fenster vergehen die Jahreszeiten, Kinder werden zu Erwachsenen, Zivilisationen steigen auf und vergehen wieder... und ich frage mich, was im Februar überhaupt passiert ist, was ich getan habe.

Um diesen Text zu schreiben, musste ich mich zwingen den etwas unbequemeren Stuhl zu benutzen, hier war ich nicht abgelenkt, mein Geist war nicht vernebelt von Verlockungen des Müßigganges. Ich spüre bereits, wie das Sofa seine unsichtbaren Klauen wieder nach mir ausstreckt und mich lockt, seine Polster und Kissen wirken so einladend... jemand muss mich retten!!

Donnerstag, 29. Januar 2015

Die Jahre ziehen ins Land...

Alt. Ich fühle mich alt, so alt. Und gleichzeitig kann ich mir kaum vorstellen erwachsen zu sein. Ich sehe die Menschen in meinem Umfeld, die Familien gründen, sesshaft werden. Ich sehe, dass die Zahlen ihres Alters, meines Alters, immer höher werden, Zehnerstellen wechseln. Ich sehe, wie ich Probleme habe mit jüngeren Menschen, mit ihrer Energie, ihrem Verhalten.
Und doch...
… ist mein Kopf voll kindischem Blödsinn.
… spüre ich Spiel- und andere Triebe.
… fühle ich mich viel zu unreif für Verantwortung.
… will ich jeden Moment auskosten.
Zerrissenheit. Aber was spricht dagegen zu tun, was einem Freude bereitet? Ab und zu unvernünftig zu sein? Nur diese tief verwurzelte Rationalität und Vernunft – wo kann man sie abschalten?

Samstag, 29. November 2014

Terminfindungsprobleme

Warum fällt es Menschen anscheinend so leicht mir abzusagen? Es häuft sich schon, wenn ich die letzten Monate betrachte. Liegt es an meinem Freundeskreis, habe ich einfach mehr Berührungspunkte mit chaotischen Leuten, bei denen man mit so etwas einfach rechnen muss?

Vielleicht... vermutlich liegt es aber wirklich an mir. Ich mache es meinen Freunden zu leicht mir abzusagen. Ich reagiere immer verständnisvoll und lasse Terminverschiebungen zu, ich kommuniziere jedes Mal, dass es kein Problem ist, ich zeige keinen Ärger oder Frustration, auch wenn ich es so empfinde. Dadurch entsteht natürlich bei den Menschen ein Gefühl, dass es nicht so schlimm ist, wenn man ein vereinbartes Treffen mit mir absagt, auch kurzfristig, oder einfach nicht erscheint, da ich damit offensichtlich umgehen kann. 

Wie kommt das nun bei mir wirklich an?
Ich fühle mich herab gesetzt. Es erweckt den Eindruck bei mir, dass ich keine besondere Priorität für diese Personen habe, da sie scheinbar leichtfertig mit mir und meiner Zeit umgehen. Meine Zeit ist, wie es aussieht, nicht so wichtig und es ist in Ordnung, wenn ich sitzen gelassen werde, da ich ja immer Verständnis habe.
Ich fühle mich verunsichert, da ich nicht so genau sagen kann, ob ein solcher Mensch nicht vielleicht nur eine Ausrede verwendet hat, um dem Treffen mit mir, das er als lästige Pflicht ansieht, zu entgehen, besonders dann, wenn kein alternativer Termin zustande kommt.
Es ist jedes Mal schwer für mich mit jemandem ein Treffen auszumachen. Jedes Mal ist es ein Kampf mit mir selbst, jedes Mal bin ich nervös, da ich einem anderen Menschen begegne und mir so vieles durch den Kopf geht, doch jedes Mal auf Neue zwinge ich mich dazu das ganze durchzuhalten und selbst keine Ausrede zu verwenden um der Situation auszuweichen. Dementsprechend fühlt sich so etwas immer wieder wie ein Schlag in die Magengrube an. Wozu der Aufwand, wozu die Nervosität, aber auch wozu die Vorfreude, wenn ich doch eigentlich schon vorher weiß, dass es nichts wird?
Es tut einfach weh, dieses Gefühl nicht wichtig genug zu sein, als dass man sich darum bemüht Termine mit mir einzuhalten.

Natürlich ist das unfair und stimmt so nicht. Sicherlich sind die Menschen, die dies tun, ein wenig gedankenlos oder eben zu sehr mit sich selbst beschäftigt, was ich ihnen nicht verdenken kann. Der eigentliche Fehler liegt aber eindeutig bei mir, da ich zu selten meinem Unmut über solche Absagen Luft mache. Wie sollen die anderen denn wissen, dass mich etwas verletzt, wenn ich es nicht kommuniziere? Und wie kommuniziere ich es?

Sonntag, 16. November 2014

Meine Geschichte

Vor einigen Tagen stolperte ich im sozialen Netzwerk über diesen Link. Ich finde den Ansatz sehr spannend und beeindruckend. Kurz zusammengefasst geht es darum, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen ihre Geschichte erzählen und mit der Welt teilen sollten, nicht um Aufmerksamkeit für sich selbst zu generieren, sondern um zu zeigen, dass es keine Schande ist, kein Stigma bedeutet mit einer solchen Problematik zu leben. Viele Menschen haben ähnliche Erfahrungen gemacht und oft genug wird ihre Krankheit von ihrer Umgebung nicht erkannt oder verharmlost. Für mich war bei der Lektüre des Textes neu und erschreckend, dass die Anzahl der jährlichen Toten durch Suizid die Zahl derer, die durch Kriege und Tötungsdelikte zusammengefasst sterben, übersteigt – wenn man das ein wenig sacken lässt, ist es aber leider nicht mehr so überraschend. Vielleicht liege ich vollkommen falsch, wenn ich diesem Text zustimme. Vielleicht wirkt es alles weinerlich und schwach, dass ich mir Gedanken darüber mache. Aber vielleicht, nur vielleicht, ist es auch richtig offener mit psychischen Erkrankungen umzugehen. Vielleicht hilft es Betroffenen, die dies aus verschiedenen Gründen nicht können, sich auch zu offenbaren und Hilfe zu suchen. In diesem Sinne folgt dann nun an dieser Stelle meine Geschichte.

Ich habe Depressionen und soziale Phobien/Angststörungen. Ich habe die Symptome sehr lange nicht zuordnen können, bis es irgendwann nicht mehr ging. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, habe soziale Kontakte gemieden, war schlecht gelaunt und unfair zu anderen Menschen. Ich hatte Probleme aus dem Bett zu kommen und mich überhaupt zu irgendetwas aufzuraffen, ich fühlte mich körperlich schwach und ausgelaugt, obwohl ich in den schlimmen Phasen eigentlich gar nichts gemacht habe. Dazu kam dann noch eine „Traurigkeit“ (in Ermangelung eines besseren Begriffs), die ständig da war und für die es eigentlich keine Gründe gab. Am schwersten fällt es mir stets über meine Suizidgedanken zu reden, da ich mich für diese schäme – aber eingangs habe ich ja formuliert, dass Scham nicht angebracht ist. Ich hatte diese Gedanken sehr oft und habe oft Pläne und Möglichkeiten für einen Selbstmord abgewogen. Einen Versuch habe ich niemals unternommen, die Auswirkungen auf die Leben anderer haben mich davon abgehalten – und, auch wenn es böse klingt, die Angst, dass es nicht klappt und dass ich im Krankenhaus „aufwache“. Soviel zur Depression.

Dazu kommen dann noch die genannten Angstsituationen. Ich war noch nie ein sonderlich geselliger Typ, aber das konnte sich offensichtlich noch steigern. Ich hatte Angst davor mit mir unbekannten Menschen zu reden oder auf eine beliebige Art zu interagieren, irgendwann griff das sogar auf meinen Bekanntenkreis über. Man kann sich vorstellen, dass das doch recht einschränkend für das tägliche Leben ist. In der späteren Therapie wurde es formuliert als „Angst nicht zu genügen“, und das trifft es ganz gut. Ich hatte und habe noch immer Angst, dass Menschen meine Unzulänglichkeiten erkennen könnten und mich deshalb zurückweisen. Das führte dazu, dass ich Jobs verlor, mich von Freunden zurückzog und öffentliche Situationen immer mehr mied. Selbst in diesem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, habe ich Angst, dass er nicht ausreichend sein könnte. Vielleicht sind meine Formulierungen, meine Worte, mein Schreibstil unverständlich oder schlecht, vielleicht sind meine beschriebenen Probleme so unerheblich und uninteressant, dass die Arbeit sie niederzuschreiben völlig verschwendete Zeit ist – es ist ein ewiger Kampf.

Ich habe mir Hilfe gesucht. Zunächst über meinen Hausarzt, der überraschend verständnisvoll reagierte und sich sehr viel Zeit für mich nahm, obwohl er sonst sehr kurz angebunden ist. Dann, als die Gespräche mit ihm nicht mehr weiter halfen und ich keine medikamentöse Behandlung wollte, habe ich eine Therapie begonnen. Es ist schwer einen Therapieplatz zu finden, auch wenn man keine Angst davor hat zu telefonieren und dann mit jemandem sprechen zu müssen. Viele Menschen suchen anscheinend einen und die Wartelisten sind entsprechend lang. Das mag auf den ersten Blick ernüchternd und demotivierend sein, jedoch kann man auch hier sehen: Du bist nicht allein, viele Leute haben ähnliche Probleme, du brauchst dich nicht für deine zu schämen.
Ich hatte Glück und bin recht schnell in die Therapie gekommen und ich denke, dass sie mir geholfen hat mit mir selbst umzugehen. Es ist immer noch nicht „gut“ und das wird es vermutlich auch nicht werden. Zur Zeit merke ich, dass gewisse Muster sich wieder einschleichen und dass ich gegensteuern muss. Die „Traurigkeit“ ist wieder da, ich kapsle mich von Leuten ab und habe große Schwierigkeiten mich selbst zu motivieren, zudem vermeide ich es mit anderen über mich und meine aktuellen Probleme zu reden, da diese für sie wahrscheinlich belanglos sind oder da diese Menschen momentan zu beschäftigt mit eigenen Dingen sind – soviel zur Selbstanalyse, ich erkenne die Anzeichen und weiß, womit ich es zu tun habe. Es ist eine tückische Sache, aber ich kann wahrscheinlich dieses Mal besser damit umgehen, auch weil ich mir damals Hilfe gesucht habe.

In meinem Umfeld waren die Reaktionen unterschiedlich, aber größtenteils positiv, was ich zuvor nicht erwartet habe. Auch das kann Mut machen. Bis auf wenige Ausnahmen konnten alle, denen ich meine Erkrankung offenbart hatte, damit vernünftig umgehen. Ich habe nur sehr wenig bis gar keine Zurückweisung oder Unverständnis erfahren, wie sie in dem eingangs verlinkten Text beschrieben sind. Allerdings ist der Personenkreis, mit dem ich offen über die Sache gesprochen habe, auch sehr klein. Leider habe ich immer wieder beobachten müssen, dass andere Menschen mit ähnlichen Problemen von ihrem Umfeld nicht so ideal behandelt wurden, um es vorsichtig auszudrücken. Auch das erschreckt mich auf eine gewisse Weise.

Was bleibt dazu noch zu sagen? Psychische Erkrankungen sind keine „Modeerscheinung“ und kein Spaß. Man hat heutzutage Begriffe dafür und kann sie behandeln und das sollte man auch, da sie sehr gefährlich sind und in viel zu vielen Fällen tödlich enden. Ich bin mir sehr bewusst, wie nahe ein tödliches Ende in meinem Fall war. Ein Großteil der Bevölkerung wird mindestens einmal im Leben eine depressive Episode durchmachen. Niemand ist schwach oder ein schlechterer Mensch, wenn er solche Probleme hat. Es ist auch niemandem geholfen, wenn man mit Erkrankten umgeht, als wären sie schwach. Man kann immer Hilfe finden, Freunde und Familie, Ärzte, Therapien, Medikamente. Es sich selbst gegenüber kleinreden und „niemandem zur Last fallen zu wollen“ sind keine Lösungen, sondern machen es nur schlimmer. Das mögen ziemliche Klischees sein und ich bin mir aus eigener, leidvoller Erfahrung bewusst, dass es einige Überwindung kostet den ersten Schritt zu machen. Ich kann nur sagen, dass ich ihn gemacht habe und dass es mir geholfen hat.

Und was ist deine Geschichte?

Dienstag, 11. November 2014

Hello, darkness, my old friend...

Dies ist eine Liebeserklärung an die Dunkelheit der Nacht, meine liebste Tageszeit.

Wir Menschen verspüren eigentlich instinktmäßig Furcht oder zumindest Unbehagen vor der Dunkelheit. Dies hat vermutlich evolutionäre Gründe, das wird landläufig so jedenfalls behauptet. Wenn die Sonne untergegangen ist, werden unsere Augen, unsere wichtigste Orientierungshilfe, nahezu nutzlos, was unser kleines, paranoides Primatenhirn in Panik versetzt, da es Feinde nun nicht mehr so einfach wahrnehmen kann, bevor es möglicherweise zu spät ist. Dies ist die einfache, laienhafte Erklärung.

Und diese Angst wird auch in unserer modernen Zivilisation fleißig weitergetragen. Wir warnen uns gegenseitig davor nachts das Haus zu verlassen, denn böse Menschen lauern im Dunkeln – natürlich kennen auch die bösen Menschen diese Geschichten und werden vermutlich nicht nachts hinter Bäumen auf ihre Opfer lauern, da ihnen bewusst sein sollte, dass diese Opfer ängstlich in ihren Häusern hocken. Die wirklich bösen Menschen begehen ihre Taten im hellen Licht, wo alle sie sehen können. Straßenlaternen machen in modernen Metropolen die Nacht zum Tag, Lampen in jedem Raum des Hauses sperren die Dunkelheit aus, Scheinwerfer sorgen für Sicherheit an Autos und Grundbesitz.

Kindern wird früh eingeimpft, dass die Finsternis gefährlich ist. Im zarten Alter von vier Jahren erzählte mir meine Großmutter die liebevolle Mär vom kinderfressenden, alten Schuster, der in ihrem dunklen Keller hauste. Wahrscheinlich sollte diese Geschichte nur verhindern, dass ich die steile Kellertreppe hinabstürzte, sie machte jedoch nachhaltigen Eindruck auf meine formbare Seele. Erst mit etwa 25 Jahren habe ich das erste Mal den großelterlichen Keller betreten und festgestellt, dass er weder so „duster“ wie behauptet war, noch dass dort jemand Schuhe reparierte oder anfertigte. Und dennoch ertappte ich mich auch nach dieser Klarstellung der Verhältnisse immer mal wieder dabei, dass ich beim Verlassen von Kellerräumen meinen Gang beschleunigte und es vermied über die Schulter zu blicken um keine wertvolle Zeit zu verschwenden beim Entkommen vor etwaigen Verfolgern.

Aber wie weit entfernt von dieser urzeitlichen Angst ist doch die Wahrheit. Ein Spaziergang allein durch die nächtliche Stadt ist so wunderbar geeignet um zur Ruhe zu kommen und den Alltagsstress auf einfachste Weise loszuwerden. Wo soll man beginnen?
Die Wahrnehmung ist eine andere als bei Tageslicht. Auch wenn in unseren Städten überall Laternen die Straßen erleuchten, ist doch die Dunkelheit allgegenwärtig. Der Gesichtssinn nimmt quasi zwangsweise eine Auszeit und kann sich von den Strapazen des Tages erholen.
Das gleiche gilt für das Gehör, denn die Geräuschkulisse des Tages verschwindet fast vollständig. Wie angenehm ist es für die geschundenen Ohren, die Stunden zuvor Verkehrslärm, Musik, Handys und die Stimmen so vieler Menschen ertragen mussten, streckenweise nur das Geräusch der eigenen Schritte und das Surren der Laternen hören zu können. In unserer niemals schweigenden Welt kommt dies der Stille wohl am nächsten.
Selbst Tast- und Geruchssinn werden auf neue Art stimuliert. Aufgrund der eingeschränkten visuellen Wahrnehmung fühlt sich der Bodengrund ganz anders und unbekannt an, das richtige Schuhwerk vorausgesetzt, die kühlere Luft auf der Haut erinnert an ein sanftes, beruhigendes Streicheln. Und die Nacht hat ihren eigenen Geruch, der sich von dem des Tages unterscheidet, feuchter, erdiger, aufregender.

Wie kann man es nicht lieben allein durch die dunkle Nacht zu streifen und all diese veränderten Sinneswahrnehmungen, die unendliche Weite der Sterne über sich und die göttliche Stille um sich herum einfach nur auf sich wirken zu lassen? Wenn dann noch der Mond alles in ein gespenstisches Licht taucht, wenn der Alltag in den Hintergrund tritt, wenn man sich von Einsamkeit und Finsternis durchdringen lässt, kann man endlich Frieden und Ruhe empfinden.

Es gibt viele Menschen, die dies nicht verstehen. Sie vermuten ein Problem, wenn jemand mitten in der Nacht ohne ein konkretes Ziel und ohne Begleitung das Haus verlässt um einige Stunden spazieren zu gehen. Wie weit entfernt sie doch von der Wahrheit sind. Es gibt kaum einen Moment, in dem es mir besser geht.